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Philosophische Betrachtungen eines Christen über Toleranz in Religion, zur Grundlage der Vereinigung sämmtlicher Religionen
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75Offenbarung. — Die traurige Erfahrung lehret esja auch bei verschiedenen geistlichen Versammlun-gen von allen möglichen Abtheilungen der christ-lichenranz seyn müssen ist klar. Es entstehet aber hieraus, nichtzu gedenken, daß dieses Verfahren den Vorschriften derReligion und der menschlichen Vernunft gerade entgegengesetzet ist, nothwendig der allerärgste Gewissenszwang.Es erhellet nemlich aus dem [1. §.] daß in der theoreti-schen Theologie viele Sätze enthalten sind die nicht zur Evi-denz erwiesen werden können, worüber daher die Men-schen nach ihren besondern Einsichten verschieden denkenmüssen. Es ist ferner klar, daß die äussere Einkleidungder Religion nichts anders als Mittel ist, sich in demwesentlichen derselben zu vervolkommnen, und daher nachden verschiedenen Völkern und Zeiten nothwendig Abän-derung bedürfe. Wenn nun ein Geistlicher oder anderesMitglied der Kirche in der theoretischen Theologie einenvorhin angenommenen Satz aus ihm anscheinenden hin-reichenden Gründen anders beurtheilen zu müssen glau-bet, oder in einer äusseren Gottesdienstlicher Handlungdas nichtige oder wol gar zweckwidrige bemerket, danndarf doch dasselbe wenn es nicht Herz gnug hat, den theo-logischen Haß mit Geduld zu ertragen, sich hievon nichtsäusserlich blicken lassen: ja, der Lehrer muß fortfahrengegen seine Ueberzeugung die ihm anvertraute Gemeins-glieder in ihrem Irrthum zu bestärken und denselben, Kin-dern wieder einzuslössen. Wie muß nicht jedem recht-schaffenen Menschen hiebei schaudern, wenn er sich der-gleichen, in einer solchen allein wolthätigen Religion auchnur als möglich denkt! und wie häufig existirt dieser Ge-wissenszwang nicht unter vielen Geistlichen aller Religio-nen, und wird fortfahren zu seyn, bis man von demSatz zurückgekommen, daß die Religion in etwas äusse-rem bestehe. Der Nachtheil so hieraus entspringt ist würk-lich grösser als man glaubt denn1. Die algemeine Menschenliebe wird dadurch erflicket,indem jedem schwachen einfältigen Menschen der Gedankenaufsteigen muß, er wäre ein besserer Mensch, weil er zu die-ser oder jener Religion gehöre, auf die sein Geistlicher sowol