„ Weibe eine Ehre, so sie lange Haare zeuget?„ das Haar ist ihr zur Decke gegeben.,, DieseVorschriften die sich auf die damalige herrschendeMode und algemeine Denkungsart ganz offenbarganz allein beziehen, gehen uns doch wol garnicht mehr an. Ist dies nun der Fal bei Vor-schriften, welche durch apostolische Synodalschlüßegegeben sind; aus welchem Recht mögen danndoch jetzt wol die Concilia, Confeßionen undSynoden, sich den Vorzug unfehlbare Vorschriftengeben zu können, zueignen wollen? Ausserdem hatman noch bis auf jetzige Zeiten einige Gebräucheund Gewohnheiten aus den damaligen Zeiten bei-behalten, andere aber hinterlassen; mithin eineauf menschliche Gründen und Einsicht beruhendeerlaubte Abänderung öffentlich anerkannt.Drittens. Im Fall nun von der Kirche der-gleichen Vorschriften gegeben würden, welcheganz und gar entweder gleich von Anfang, odererst in der Folge dem evangelischen Wege wel-chen Gott den Menschen zur geistlichen Vervol-kommnung vorgeschrieben hat, zuwider wären,dann siehet ein jeder leicht ein, daß dergleichenVorschriften nicht allein für niemand bindendseyn können, sondern durchaus nicht befolget wer-den dürfen. Im letzteren Fal müssen aber dieauf-Ich kenne Gegenden wo noch die Frauenzimmer, wenn siezur Communion gehen, ihre Haare in langen Flechten hin-ten am Kopf herunter hangen haben. Gewiß sind vieleunter denselben, welche unwürdig zum Abendmal nach ih-ren Gedanken gehen würden, wenn sie ihre Haare nichtso hangen lieffen. So hängt sich der Mensch ans sinnliche!
Druckschrift
Philosophische Betrachtungen eines Christen über Toleranz in Religion, zur Grundlage der Vereinigung sämmtlicher Religionen
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69
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