Druckschrift 
Philosophische Betrachtungen eines Christen über Toleranz in Religion, zur Grundlage der Vereinigung sämmtlicher Religionen
Seite
57
Einzelbild herunterladen
 

den, dann solle man ihn seinem Schicksal über-lassen und ihn nicht mehr zur Gemeine, sonderndieser Gemeinschaft unwürdig rechnen. Es wirdaberNiemand muß diesen Befehl für zu hart, und derGüte Gottes unanstledig halten. Er ist nicht alleinder Güte, sondern der Meisheit Gottes die für das be-ste eines jeden Menschen so väterlich überal sorget, vol-kommen angemessen. In dem 7 Absch. und der dabei be-findlichen Note zeigte ich daß der Mensch nur durchLehre oder Erfahrung klug und weise werden könne.Erstere beruhet auf vorhergegangene Thatsachen und Er-fahrung. Wenn nun der Mensch auf ersterem sanfternWege sich nicht will zum Guten, zu seiner Vervolkom-innung lenken lassen, dann ist kein ander Mittel vonseinen moralischen Zustand zu bessern übrig, als ihnseiner eigenen Erfahrung zu übergeben, durch welche er,nachdem sein Herr weniger oder mehr verhärtet warauch früher oder später zur Erkenntniß seines eigentli-chen Glückes kommen, und alsdenn gleich jedemvernünftigen Geschöpf das beste wärlen wird.Eben deswegen muste ihm der Weg, nach dieser erlang-ten Erkenntniß, zur Gemeine wieder zurückkehren zukönnen, gar nicht erschwehret werden. Dieß würdeder Flugheit um so mehr entgegen syn, da es un-zweifelbar ist, daß ein Mensch der durch eigene Erfah-rungen klug und weise geworden ist, weit fester undnutzbarer für die Gesellschaft wird, als einer der sichauf die Erfahrungen eines anderen gründet. Um des-willen ist es auch nöthig daß jeder Mensch, wenn ergründlich gebessert werden sol, auch selbst durch eigeneErfahrung weise werden soll. Dieß ists was Paulus zurAbsicht hatte als er die Korinther bestrafte, daß sieHurer unter sich duldeten, und deshalb folgendes Ur-reil als Apostel über selbige sprach [1 Gorinth. 5. d.4. 4.Ich zwar, als der ich mit dem Leibe nichtda bin, doch mit dem Geist gegenwärtig, habe schonals gegenwärtig beschlossen über den, der solches al-so gethan hat: in dem Namen uns. Hr. Jesu Chri-sti, in eurer Versammlung mit meinem Geist und