Eine dritte Ursache warum Gott dem Men-schen diese Freiheit gestattete war auch wohl mitdiese, daß er sich nun in der Religion Christi,bei den Menschen ganz in seiner Güte verherr-lichen wolte. Der strafende Donner des Ge-setzesden so genannten Grüblern. Es erhellet also, daß derMensch zwar in einigen Religionswarheiten seinen Ver-stand gefangen nehmen, in Unthätigkeit halten solle,aber nur in denen g.offenbarten Warheiten, welche ernicht umfassen, noch derselben Gründe einsehen kan.Auch hierin hatte der Ewige, der Beſte Vater, in Rück-sicht auf die Menschen die gütigste und weiseste Absich-ten. Er kannte den Hang des Menschen zum Leichtsinnund zum Stolz. Wenn er nun an der einen Seite sichzu den Menschen zwar so sehr herabgelassen, und sickals ihren Vater und Freund geoffenbaret hatte, sowolte er aber an der anderen Seite, durch die Ankün-digung der Religionsgeheimniße den Menschen in tief-ster Demuth erhalten. Wenn nemlich der Mensch in derReligion durch seine Vernunft, den einzigen Weg umdie höchste Stufe der Glückseeligkeit unfehlbar zu erlan-gen, eingesehen hatte, so solten ihm dennoch in der-selbigen geoffenbarten Religion wiederum Punkten auf-stossen, die seine Vernunft gar nicht umfassen, noch be-greifen konnte: und zwar solte dies deswegen geschehen,damit der Mensch, der in sich und ohne Gott ganz ohn-mächtige Erdenwurm, der für gar keinen Erfolg vonirgend einer seiner Handlungen gutsprechen kan, stets-hin seinen unendlichen Abstand von dem Allmächtigen,und den ihm nöthigen Beistand von der einzigen Quelleder wahren Weisheit lebhaft empfinden solte. Es darfdieses auch den allerweisesten Menschen gar nicht befrem-den; denn, es ist ausgemacht, daß wir alle unsere Be-griffe von Gott, blos durch Vergleichung mit den Kräf-ten, Volkommenheiten und Eigenschaften die wir anuns selbst und andern Menschen finden, erhalten. Auchder Engel muß den Ewigen in gewisser Rücksicht sich so den-keu, wie er sich selbst findet, und Gott diejenigen Vol-kommenheiten
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Philosophische Betrachtungen eines Christen über Toleranz in Religion, zur Grundlage der Vereinigung sämmtlicher Religionen
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