Druckschrift 
Friedrich Ritschl : eine wissenschaftliche Biographie
Entstehung
Seite
146
Einzelbild herunterladen
 

146

selten peinlichen, ja schulmässigen Sorge, welche die altenGriechen und Römer auf die formelle Vollendung ihrerWerke wandten, solche Untersuchungen absolut nothwendigmachen. Anders der Sprachvergleicher. Ihm ist dieSprache der Zweck, ähnlich wie dem Naturforscher, wennauch beide zur Ergründung der Sprache vielfach verschie-dene Mittel anwenden. Wie G. Curtius in dem Schriftchen»Philologie und Sprachwissenschaft« S. 20 sehr wahr sagt,ist das Gebiet des allgemeinen Sprachforschers die Natur-seite, das des philologischen die Culturseite der Sprache.Man könnte auch sagen, die Philologie behandle hauptsäch-lich die subjective Seite einer Sprache, wie sie sich in derbesondern Entwicklung jedes einzelnen Volkes im allge-meinen und jedes Individuums (vornehmlich natürlich jedesSchriftstellers) im besondern darstellt, die Sprachvergleichungdagegen vornehmlich die objective, indem sie die Gesetzeeiner Sprache mit Rücksicht auf ihren allgemein mensch-lichen Charakter (insofern die Sprache ein unterscheiden-des und auszeichnendes Besitzthum des ganzen Menschen-geschlechtes ist) in's Auge fasst, zunächst natürlich, weildies das fruchtbringendste ist, durch Vergleichung mit denübrigen Sprachen derselben Familie. Nun kann freilichwenigstens eine todte Sprache nur durch Leetüre der schrift-lichen Denkmäler ergründet werden, und diese werden des-halb auch von dem Sprachvergleicher studirt. Aber dieLitteratur ist ihm dabei Nebensache, nur Mittel zum Zweck.Das vollendetste Kunstwerk der Litteratur kann derart sein,dass der Sprachvergleicher an ihm vorübergeht. Umgekehrtkann ein Schriftstück, das in materieller wie in formellerHinsicht gleich untergeordnet ist, für ihn wegen sprach-licher Eigentümlichkeiten ein Document ersten Ranges sein,