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Gelehrter in seinen Schriften noch so scharf sein — Studentengegenüber soll er immer so milde wie möglich auftreten,immer eine lebendige Illustration des alten Spruches »didi-cisse fideliter artes emollit mores.« Nur da bedarf es derEnergie, wo es darauf ankommt, die anmassende Unwissen-heit oder Gedankenlosigkeit zurückzuweisen, oder die Nei-gung zum Phrasenmachen zu unterdrücken, oder entschie-dene Talente vom falschen Wege zurückzuhalten. Sonstaber sollte bei allen Verirrungen der Studenten, zumalwenn man es mit einer tüchtigen, nur noch nicht — wasja in jungen Jahren so natürlich — zur Klarheit herausge-arbeiteten Natur zu thun hat, die möglichste Schonung undNachsicht vorwalten. Der Schade, den ein Professor durchabstossendes, terrorisirendes Benehmen begabten, schüch-ternen Studenten gegenüber anrichten kann, ist unberechen-bar. Ist jedoch einem Docenten die Grazie von der Naturversagt, so erscheint es immer noch besser, wenn er grobals wenn er ironisch ist. Denn gegen Grobheit kann sichder Student allenfalls vertheidigen; gegen Ironie aber ister dem an Wissen und Leistungen so weit überlegenenLehrer gegenüber wehrlos. Ausserdem wirkt Ironie wieein Sturzbad auf jugendliche Begeisterung.
Im übrigen, glaube ich, ist die äusserste Vorsicht an-zuwenden, bevor man einem begabten Studenten zur Er-greifung der akademischen Carriere räth. Zunächst des-halb, weil sich während der Universitätsjahre nur in ganzeinzelnen Fällen, bei besonders hervorragenden Naturen,wird feststellen lassen, ob der Betreffende ein Kritiker istoder bloss eine kritische Ader hat. Ferner ist das künf-tige Schicksal eines Privatdocenten bei der geringen Zahlvon Professuren und der verhältnissmässig grossen Um-