— H4 —
Begabtesten, verschieden an Häufigkeit wie an Qualität;es gibt eben nichts Vollkommenes unter der Sonne. Die-selbe Natur fördert oft genug, wie in moralischer so in in-tellectueller Hinsicht, eben so gut Schlacken als Edelsteinezu Tage.
Ganz anders sind die Verdienste der divinatorischenThätigkeit eines Mannes, der es versteht etwas systema-tich Abgerundetes, überall ineinander Greifendes, künst-lerisch Vollendetes zu produciren.
Ich habe den Kritiker, wenigstens was die Textes-Kritik, auf die ich von neuem zurückkomme, betrifft, sogeschildert a. a. O., dass ich einfach dorthin verweisenkann. Die Aufgabe jenes ist weit schwieriger und minderglänzend, schon deshalb, weil die meisten Autoren in kri-tischer Hinsicht so durchsucht sind, dass nur eine ganz emi-nente Begabung in ihnen viel Neues zu Tage fördern kann,während andererseits ein grosser Theil des Verdienstes darinbesteht, älteren mit Unrecht verschmähten Versuchen derBesserung zu ihrem Rechte zu verhelfen, oder fälschlichVerdächtigtes zu schützen, aber destomehr gibt sie An-spruch auf soliden Nachruhm. Und wenn auch, gemässder Unvollkommenheit unserer Natur, selbst für den gröss-ten Kritiker, wie Bentley's Beispiel zeigt, Irrungen, selbstschwere, nicht immer zu vermeiden sind, ein Kritiker wirdnie den zehnten Theil des Schadens in den Texten anstif-ten wie ein Conjectator. — Und während man aus denIrrthümern jener viel lernt, lernt man selbst aus denrichtigen Resultaten dieser wenig.
Aus dem Gesagten nun ist leicht ersichtlich, was ichvon den Adversarien, Analecten, Conjectaneen u. dgl., dieheut so sehr beliebt sind, denke.