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Friedrich Ritschl : eine wissenschaftliche Biographie
Entstehung
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Kritiker stecken: denn die kritische Ader ist die nothwen-dige Voraussetzung für den Kritiker. Beweis dafür ist,um wieder auf die Texteskritik zu kommen, der Umstand,dass man bei kritischer Behandlung einheitlicher Theileder Litteratur häufig genug mit schwierigen Stellen trotzaller Regeln der Kritik und aller Vorkenntnisse nicht fer-tig wird, während zu anderer Zeit ganz von selbst dierichtige Erklärung oder die evidente Emendation uns in denSchoss fällt.

Deshalb thut man auch sehr recht, bei den Studen-ten durch mündliche oder schriftliche Disputationen überschwierige Stellen der Autoren die kritische Ader in Flusszu setzen. Ob, wer solche besitzt, es bis zum Kritikerbringt, wird dann die Zeit lehren.

Weshalb steht nun ein glücklicher Conjectator so tiefunter dem Kritiker, d. h. dem Gelehrten, der einheitliche,künstlerisch abgerundete Leistungen in irgend einem Theilder Wissenschaft hinter sich hat?

Desshalb eben, weil, wie oben gesagt, ein glücklicherConjectator immer auch ein unglücklicher ist, weil eineVermuthung, die sich auf den Theil eines einheitlichenGanzen, mag dies nun litterarischer oder anderweitigerNatur sein, bezieht, wenn sie bloss aus augenblicklicherIntuition hervorgegangen, zwar vermöge der geheimniss-vollen Wunderkraft unseres Geistes die glänzendste Ent-deckung in sich schliessen kann, aber eben so wohl, dasie nicht auf genauster Kenntniss aller für die Herstellungeines einheitlichen, harmonischen Ganzen in Betracht kom-menden Momente, noch weniger auf der wissenschaftlichenCombination derselben beruht, eine leere Hariolation seinkann. Denn jene Geistesblitze sind eben, auch bei dem

F. Ritschi, v. L. Mueller. g