— 107 —
einwenden, ich beachte nicht, dass Brambach an derselbenStelle 44 Dissertationen über griechische Autoren gegen 45über lateinische aufzähle. Allein auch ohne die schwierige,von Brambach hier und sonst ausser Acht gelassene Frage, obund wieweit bei manchen litterarischen Arbeiten der SchuleRitschl's auch andere Docenten der Bonner Universitätinfluirt haben — man sieht garnicht ein, weshalb dieSchüler eines Gelehrten, der vorwiegend Latinist ist, sichnicht in Emendation griechischer Autoren versuchen sollten.Die Regeln der Kritik für die philologische Behandlunggriechischer und römischer Schriftwerke sind ja genau die-selben.
Uebrigens wird kein verständiger Urtheiler Ritschi ausjenem Mangel einen besonderen Vorwurf machen. Bei demheutigen Umfang der klassischen Philologie erscheint esbeinahe unmöglich, dass ein und derselbe Gelehrte, mager noch so begabt sein, mit gleicher Kenntniss und derdaraus entspringenden gleichen Gewandtheit sich auf demGebiet der griechischen wie der lateinischen Philologiebewegt. Grade heut zeigt sich erst in der Beschränkungder Meister. Und eine ganz ähnliche Erscheinung beiRitschi, in seinen Arbeiten ausserhalb des Gebiets der ar-chaischen Latinität, habe ich in der wissenschaftlichen Bio-graphie S. 49 angemerkt. — Auch Lachmann bewegt sichnicht immer mit gleicher Sicherheit und gleichem Erfolge,wo er sich auf Fragen einlässt, die Plautus oder Terenzoder Lucilius betreffen. 1 )
•) Ich habe bei diesem Unheil selbstversändlich nur Lachmann'sCommentar zu Lucrez vor Augen, nicht die Schrift »C. Lucilii Satu-rarum. Carolus Lachmannus emendavitn, die ganz ohne Lachmann'sZuthun in's Publikum gekommen ist, und über deren Werth es ge-