— 88 —
falschem Gelde bezahlt. Wer dies thut, ist ehrlos; wer esnicht thut, hat noch lange keinen Anspruch auf Lob: ererfüllt eben einfach seine Schuldigkeit. Nun ist es freilichin manchen Wissenschaften zuweilen vorgekommen, dassGelehrte, um vor dem Publicum zu glänzen oder um per-sönlicher Vortheile willen, die Wissenschaft gefälscht haben:bei der klassischen Philologie, mit ihren von den praktischenInteressen der Gegenwart so weit abliegenden Problemen,fällt selbst diese Entschuldigung fort. Wir führen ein vomPublicum wenig beachtetes, freilich dafür auch wenig ge-störtes Stillleben. Das Publicum interessirt sich im allge-meinen höchstens für die pädagogische Methode des klas-sischen Unterrichts an den höhern Lehranstalten. NeueResultate der Wissenschaft aber dürfen für diesen erst, wennsie ganz feststehen, und auch dann nur mit Vorsicht ver-wendet werden. — Im übrigen — was wir heute bauen,reissen wir, wie der grösste Philologe Deutschlands, F. A.Wolf, sagt, morgen wieder ein, ohne dass sich jemanddarum kümmert. — Selbst die Gunst der Mächtigen dieserErde hat sich seit den Zeiten der Ptolemaeer und Caesarengründlich von uns abgewandt. Die Geschichte des Mittel-alters und der Neuzeit verzeichnet unter den gekröntenHäuptern gar manchen Theologen, Philosophen, Alchimistenu. s. w., aber kaum einen Philologen, falls man nicht, wo-gegen wir protestiren, Philologe mit Schöngeist identificirt. —Ferner greifen die humanistischen Studien heut keineswegswie im 16. und 17. Jahrhundert in die religiösen Kämpfeein. — Wozu sollten wir also unsere Wissenschaft fäl-schen? Was für Gewinnst könnte uns daraus erspriessen?Also, verlohnt es sich nur eines Wortes, wenn wir ehrlichbleiben, wo es so unendlich leicht ist? »Nulla est laus,ibi esse integrum, ubi nemo est, qui velit corrumpere.«