Druckschrift 
Friedrich Ritschl : eine wissenschaftliche Biographie
Entstehung
Seite
65
Einzelbild herunterladen
 

- 6s -

gäbe verlangen, dass sie überall das Richtige gebe, d. h.mit dem Archetypus des bezüglichen Schriftwerkes durch-weg congruire: sie ist vielmehr mustergültig, wenn sie nir-gend etwas bietet, was nachweislich für den behandeltenAutor aus sprachlichen, metrischen, logischen, ästhetischenoder stofflichen Gründen unmöglich ist. Und da auch diesbei der menschlichen Schwäche nicht vollkommen zu er-reichen, so steht der Kritiker am höchsten, der am wenigstengegen diese Anforderungen verstösst.

Wenn ich übrigens nach meinen eigenen Erfahrungenurtheilen darf, so ist am leichtesten die Kritik umfang-reicher und zugleich ganz oder doch beinahe vollständigerhaltener Schriftwerke; schwerer die kleiner oder dochnur in zersplitterten, wenn auch umfänglichen Bruchtheilenvorliegender; am schwersten jene räumlich unbedeutenderFragmente, mögen sie auch noch so zahlreich sein.

Uebrigens scheint es, als ob die Neigung und derEifer für blos kritische Ausgaben allmählig sich stark ver-mindere. Dass die Erwägung der eben dargestellten Schwie-rigkeiten den Grund zu dieser Erscheinung böte, ist frei-lich zu bezweifeln: eher darf man annehmen, dass mander in unserm Jahrhundert häufig mehr als billig vernach-lässigten Exegese wieder grössere Aufmerksamkeit zuwendet.

Doch ich kehre zum Thema zurück!

Was die von mir früher aufgestellte Forderung be-trifft, es solle der philologische Professor hauptsächlichseine Collegien dem Bedürfniss der künftigen Gymnasial-lehrer anpassen, so hat Ritschi dieser, wie wir gesehenhaben und auch Professor Pomjalowsky S. 59, 60 aner-kennt, nicht entsprochen. Doch ist der Vorwurf unbe-gründet, dass er nur Gelehrte ausgebildet, nicht Lehrer

F. Eilschi, v. L. Mueller. 5