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Auch seit dem 15. Jahrhundert, als die Kenntniss dergriechischen Klassiker neu auflebte, überwog doch beiallen Gebildeten, ja bei den meisten Gelehrten das Studiumdes Latein. Und wie hätte es anders sein können? DasLatein war in den Gymnasien die weit bevorzugte Sprache,in lateinischer Poesie wie Prosa sich auszudrücken, wurdendie Schüler unermüdlich geübt, die ganze gelehrte Lite-ratur des Mittelalters, ein sehr grosser Theil der neuernwar in dieser Sprache verfasst, die Vorträge der akademi-schen Docenten wurden lateinisch gehalten. Des Lateinskonnten weder der Jurist noch der Theologe noch der Ver-treter der exacten Wissenschaften, auch nicht der Diplomat,entbehren. Allmälig wurde zwar die lateinische Sprache ausvielen ihrer Positionen ganz oder theilweise vertrieben;ausserdem ward das Studium des Griechischen allgemeiner,und übte auf die Literatur mancher Völker tiefgehendenEinfluss. Dennoch überwiegt noch heut der praktischeNutzen des Latein bei Weitem den des Griechischen.
Allein es giebt noch andere Ursachen, weshalb sichdie Mehrzahl der grossen Kritiker mit Vorliebe demStudium des Lateins zugewandt hat. Nicht blos der mehräusserliche Umstand, dass die klassische Literatur derRömer an Umfang weit beschränkter ist, also sich auchleichter übersehen und beherrschen lässt als die der Grie-chen, oder dass durch Alter und Zuverlässigkeit ausge-zeichnete Handschriften für die lateinischen Autoren zahl-reicher sind als für die griechischen, sondern noch mehrdie strenge Regelrechtigkeit und Consequenz der lateini-schen Sprache, die bewunderungswürdige Logik der Perio-den ihrer Prosaiker, die sorgsamst gefeilte Metrik ihrerDichter, welche, wie einer derselben mit Rücksicht auf