Druckschrift 
Friedrich Ritschl : eine wissenschaftliche Biographie
Entstehung
Seite
18
Einzelbild herunterladen
 

Forschen entscheidend wurde, auf dem er neue Bahnenerschliessen sollte, der altlateinischen Sprache und Lite-ratur.

An dieser Stelle scheint es mir geeignet, einigeWorte über die akademische Frage, ob die Thätigkeit desGraecisten oder des Latinisten lohnender und erspriesslicher,einzuschalten. Eigentlich ist dieser Streit ebenso gegen-standlos als der über den Vorzug der formalen oder derrealen Philologie. Auch kann ebensowenig ein Graecistdes Latein, als ein Latinist des Griechischen entbehren.Doch um auf jene Frage noch weiter einzugehen, werkönnte leugnen, dass die griechische Literatur an Origi-nalität, Umfang und Inhalt der römischen weit überlegensei? Freilich muss man, was den Umfang beider Litera-turen betrifft, in Betracht ziehen, dass der Verlust in derRömischen verhältnissmässig noch grösser ist, als in"der griechischen, insofern während des Mittelalters dieliberalen Studien und das Abschreiben klassischer Autorenim Osten eifriger gepflegt wurden als im Westen. Da-gegen kann es nicht befremden, dass die Thätigkeit derPhilologen des Abendlandes sich stets mit Vorliebe denlateinischen Studien zugewandt hat. Beruhte doch wäh-rend des ganzen Mittelalters fast ausschliesslich die Culturdes Westens auf den Ueberresten der römischen Cultur,die gelehrte Bildung auf den Ueberbleibseln der römi-schen Literatur, war doch das Leben der westlichenVölker mit Rom eng vereint durch die Bande der Religion,der Jurisprudenz, durch lokale Beziehungen, endlich auch,seit Karl dem Grossen, durch die Erneuerung des Römi-schen Kaiserthums. Was man vom alten Griechenlandwusste, wusste man beinah bloss aus lateinischen Büchern.