als liberal zu nennen. Er hatte nicht das Steife, Ein-seitige, welches man so oft bei deutschen Gelehrten findet,verfolgte vielmehr die verschiedenen Bestrebungen unserervielbewegten Zeit in Staat, Religion und Gesellschaft mitInteresse. Was seine nicht philologische Leetüre betrifft,so zeigte er eine besondere Vorliebe für die französischeLiteratur, deren Werke er oft in die Hand nahm, um sichvon den Mühen wissenschaftlicher Arbeiten zu erholen.
Unter den Tugenden seines Charakters verdient be-sonders Anerkennung seine materielle Uneigennützigkeitsowie die treue, aufopfernde Zuneigung, die er seinenSchülern stets bezeigte, obwohl ihm manche bittere Er-fahrung menschlichen Undanks nicht erspart blieb. Auchverdankten viele derselben ihm nicht bloss ihre wissen-schaftliche Schulung, sondern ebenso ihre, zuweilen auf-fallend rasche, Carriere. Möglich, sogar wahrscheinlich,dass Ritschi, wie ihm die Gegner öfter vorwarfen, ge-legentlich die Leistungen der Seinigen überschätzte; dochist nicht nöthig, solchen Irrungen egoistische, unedleMotive zu supponiren. Vielmehr lässt es sich aus dermenschlichen Natur leicht erklären, dass zuweilen persön-liche Anhänglichkeit und strenge Loyalität eines Schülersden wechselvöllen Geschicken des Lehrers gegenüber beidiesem unbewusst auf die Beurtheilung der wissenschaft-lichen Capacität des Betreffenden influirt hat. — Aberauch für andere Gelehrte, die nicht in den Kreisseiner Schule gehörten, zeigte er Interesse, und war gernbereit, sie zu fördern, wenn sie sich nur nicht gerade indie Reihe seiner erklärten und unversöhnlicheu Wider-sacher stellten. So unterhielt er auch mit den meistenbedeutenden Philologen dieser Zeit, bis Krankheit ihn