Drittens ist erforderlich durchdringender Scharfsinn,der das Wesentliche vom Unbedeutenden, das Nothwen-dige vom Zufälligen zu scheiden weiss, der es versteht, dieLeistungen eines Gelehrten zu würdigen sowohl in ihremabsoluten Werthe, als in ihrem relativen, d. h. in ihremVerhältniss zu Vorgängern und Nachfolgern auf demselbenGebiete der Wissenschaft. Ein solcher Scharfsinn ist, wiesich von selbst ergibt, ein abgesagter Feind der Phrase, diestets zuerst die Folge, bald auch die Ursache unklarenDenkens zu sein pflegt.
Allein dies Alles genügt noch nicht. Als viertes, nichtminder wichtiges Requisit tritt hinzu, dass man selbständigund erfolgreich gearbeitet habe in dem Gebiete, auf welchemsich der Mann, dessen Leben man beschreiben will, ganzoder doch hauptsächlich bewegt hat. Denn sowie dasAuge nach den Worten des Dichters die Sonne nur des-halb zu erkennen vermag, weil es selbst sonnenhaft ist,so kann auch nur der einem berühmten Gelehrten gerechtwerden, der einen Funken wenigstens von jenes Geist hat.Andernfalls wird stets die Biographie der Gefahr unterlie-gen statt gemessener Kritik ein Product gedankenloser Be-wunderung oder hämischen Neides dem Publikum zu bie-ten. Um die Sache an ein paar concreten Beispielen zuerläutern: man darf nicht über Bentley's kritische Arbeitensprechen, wenn man selbst zeit seines Lebens ein Duodez-kritiker gewesen ist; es hat kein Recht über Ritschl's me-