— 63 —
sprach so blühend schön, wie er selbst aussieht, und fährt weiterunten fort:
Was mich betrifft, so fesselte mich diesmal der Gegenstand derMignetschen Rede ganz ausschliesslich, denn der berühmte Geschichts-schreiber der Revolution sprach wieder über einen der wichtigstenFührer der grossen Bewegung, welche das bürgerliche Leben derFranzosen umgestaltet, und jedes Wort war hier ein Resultat inter-essanter Forschung. Ja, das war die Stimme des Geschichtsschreibers,des wirklichen Chefs von Klios Archiven, und es schien, als hielt erin den Händen jene ewigen Tabletten, worin die strenge Göttin bereitsihre Urteilssprüche eingezeichnet. Nur in der Wahl der Ausdrückeund in der mildernden Betonung bekundete sich manchmal die tra-ditionelle Lobpfiicht des Akademikers. Und dann ist Mignet auchStaatsmann und mit kluger Scheu mussten die Tagesverhältnisse be-rücksichtigt werden bei der Besprechung der jüngsten Vergangenheit.Es ist eine bedenkliche Aufgabe, den überstandenen Sturm zu be-schreiben, während wir noch nicht in den Hafen gelangt sind. Dasfranzösische Staatsschiff ist vielleicht noch nicht so wohl geborgen,wie der gute Mignet meint. Unfern vom Redner, auf einer der Bänkemir gegenüber, sah ich Herrn Thiers, und sein Lächeln war für michsehr bedeutungsvoll bei denjenigen Stellen, wo Mignet mit allzugrosserBehagnis von der definitiven Begründung der modernen Zuständesprach: so lächelt Äolus, wenn Daphnis am windstillen Ufer desMeeres die Flöte bläst.
In Heines Brief über eine andere Sitzung der Akademie(Mai 1842), in der Mignet das Leben und das Wirken des ver-storbenen philosophischen Schriftstellers Destutt de Tracy ge-schildert, heisst es: Wie in allen seinen Erzeugnissen, beurkundeteMignet auch hier sein schönes, grosses Darstellungstalent, seine be-wunderungswürdige Kunst des Auffassens aller charakteristischenZeitmomente und Lebensverhältnisse, seine heitere klare Verständ-lichkeit.
Etwas satyrisch gefärbt ist die Schilderung einer drittenVersammlung der Akademie, in der Mignet sprach. Unschiverlässt sich eine kleine persönliche Verstimmung des Autors heraus-lesen:
.... Mignet ist noch jung, oder, was noch besser, er ist derTypus der Jugendlichkeit selbst, er bleibt verschont von der Handder Zeit, die uns andern die Haare weiss färbt, wo nicht gar aus-rauft und die Stirne so hässlich faltet: der schöne Mignet trägt nochseine goldlockichte Frisur wie vor zwölf Jahren und sein Antlitz istnoch immer blühend wie das der Olympier. Sobald der Perpetuelleauf die Rednerbühne getreten, nimmt er seine Lorgnette und beäugeltdas Publikum.
„Er zählt die Häupter seiner Lieben,Und sieh, es fehlt kein teures Haupt."