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■wie dort, so auch hier, preisen und feiern sie irgend einen Helden,nicht ob seinem wahren inwohnenden "Werte, sondern wegen desmomentanen Vorteils, den ihre Sache durch solche Anpreisung undFeier gewinnen kann; und so geschieht es, dass sie heute empor-rühmen, was sie morgen wieder herabwürdigen müssen, und umgekehrt.Shakespeare ist seit zehn Jahren in Frankreich für die Partei, welchedie litterarische Revolution durchkämpft, ein Gegenstand der blindestenAnbetung. Aber, ob er bei diesen Männern der Bewegung einewirkliche gewissenhafte Anerkennung oder gar ein wichtiges Ver-ständnis gefunden hat, ist die grosse Frage. Die Franzosen sind zusehr die Kinder ihrer Mütter, sie haben zu sehr die gesellschaftlicheLüge mit der Ammenmilch eingesogen, als dass sie dem Dichter, derdie Wahrheit der Natur in jedem Wort atmet, sehr viel Geschmackabgewinnen oder gar ihn verstehen könnten. Es herrscht freilichbei ihren Schriftstellern seit einiger Zeit ein unbändiges Streben nachsolcher Natürlichkeit; sie reissen sich gleichsam verzweifiungsvoll diekonventionellen Gewänder vom Leibe und zeigen sich in der schreck-lichsten Nacktheit .... Aber irgend ein modischer Fetzen, welcherihnen dennoch anhängen bleibt, giebt Kunde von der überliefertenUnnatur und entlockt dem deutschen Zuschauer ein ironischesLächeln ....
.... Nicht durch direkte Kritik, sondern indirekt durch dra-matische Schöpfungen, die dem Shakespeare mehr oder minder nach-gebildet sind, gelangen die Franzosen zu einigem Verständnis desgrossen Dichters. Als ein Vermittler in dieser Weise ist Victor Hugoganz besonders zu rühmen ....
Wird es den Franzosen schon schwer genug, die TragödienShakespeares zu verstehen, so ist ihnen das Verständnis seinerKomödien schon ganz versagt. Die Poesie der Leidenschaft ist ihnenzugänglich; auch die Wahrheit der Charakteristik können sie bis zueinem gewissen Grade begreifen: denn ihre Herzen haben brennengelernt, das Passionierte ist so recht ihr Fach und mit ihremanalytischen Verstände wissen sie jeden gegebenen Charakter in seinefeinsten Bestandteile zu zerlegen und die Phasen zu berechnen, woriner jedesmal geraten wird, wenn er mit bestimmten Weltrealitäten zu-sammenstösst. Aber im Zaubergarten der Shakespeareschen Komödieist ihnen all dieses Erfahrungswissen von wenig Hülfe. Schon ander Pforte bleibt ihnen der Verstand stehen, und ihr Herz weisskein Bescheid, und es fehlt ihnen die geheimnisvolle Wünschelruthe,deren blosse Berührung das Schloss sprengt. Da schauen sie mitverwunderten Augen durch das goldene Gitter und sehen, wie Ritterund Edelfraucn, Schäfer und Schäferinnen, Narren und Weise unterden hohen Bäumen einherwandeln; wie der Liebende und seine Ge-liebte im kühlen Schatten lagern und zärtliche Reden tauschen; wiedann und wann ein Fabeltier, etwa ein Hirsch mit silbernem Geweih,vorüberjagt oder gar ein keusches Einhorn aus dem Busche springtund der schönen Jungfrau sein Haupt in den Schoss legt.....
Betz, Französische Litteratur. 3