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Die französische Litteratur im Urtheile Heinrich Heine's
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Worüber icli am meisten erstaune, das ist die Anstelligkeit dieserFranzosen, das geschickte Übergehen oder Überspringen von einerBeschäftigung in die andere, in eine ganz heterogene. Es ist diesesnicht bloss eine Eigenschaft des leichten Naturells, sondern auch einhistorisches Enverbnis: sie haben sich im Laufe der Zeit ganz los-gemacht von hemmenden Vorurteilen und Pedanterieen.

Jedes Volk hat seinen Nationalfehler und wir Deutschen habenden unsrigen, nämlich jene berühmte Langsamkeit, wir wissen es sehrgut, wir haben Blei in den Stiefeln, sogar in den Pantoffeln. Aberwas nützt den Franzosen alle Geschwindigkeit, all ihr flinkes, an-stelliges Wesen, wenn sie ebenso schnell vergessen, was sie gethan?Sie haben kein Gedächtnis und das ist ihr grösstes Unglück. DieFrucht jeder That und jeder Unthat geht hier verloren durch Ver-gesslichkeit. Jeden Tag müssen sie den Kreislauf ihrer Geschichtewieder durchlaufen, ihr Leben wieder von vorne anfangen, ihre Kämpfeaufs neue durchkämpfen und morgen hat der Sieger vergessen, dasser gesiegt hatte, und der Überwundene hat ebenso leichtsinnig seineNiederlage und ihre heilsamen Lehren vergessen.

Die deutsche Sprache an sich ist reich, aber in der deutschenKonversation gebrauchen wir nur den zehnten Teil dieses Reichtums;faktisch sind wir also spracharm.

Die französische Sprache an sich ist arm, aber die Franzosenwissen alles, was sie enthält, in der Konversation auszubeuten undsie sind daher sprachreich in der That.

Nur in der Litteratur zeigen die Deutschen ihren ganzen Sprach-schatz und die Franzosen, davon geblendet, denken Wunders wieglänzend wir zu Hause sie haben auch keinen Begriff davon, wiewenig Gedanken bei uns im Umlauf zu Hause. Bei den Franzosenjust das Gegenteil: mehr Ideen in der Gesellschaft als in denBlichern, und die Geistreichsten schreiben gar nicht oder bloss zu-fällig.

.... Die französische Sprache ist ein Produkt der Gesellchaftund sie entbehrt jene Innigkeit und Naivetät, die nur eine lautere,dem Herzen des Volks entsprungene und mit dem Herzblut desselbengeschwängerte Wortquelle gewähren kann. Dafür aber besitzt diefranzösische Deklamation eine Grazie und Flüssigkeit, die der eng-lischen ganz fremd, ja unmöglich ist. Die Rede ist hier in Frank-reich durch das schwatzende Gesellschaftsleben während drei Jahr-hunderten so rein filtriert worden, dass sie alle unedle Ausdrückeund unklare Wendungen, alles Trübe und Gemeine, aber auch allenDuft, alle jene wilden Heilkräfte, alle jene geheimen Zauber, die imrohen Worte rinnen und rieseln, unwiederbringlich verloren hat. Diefranzösische Sprache und also auch die französische Deklamation, ist,