wir es nie bedauert, dass ihm die Ausdauer, der lange Atem gefehlt,dass ihm nie der sog. grosse Wurf gelungen. Anders hier. Wiereichlich floss ihm doch das Material zu, wie genau konnte er sehen,wie günstig war seine Stellung, um alles zu hören und zu beobachten.Wie leicht wäre es ihm daher gewesen, ein weltberühmtes Bild vomder französischen Romantik, ein monumentales Litteraturwerk zuschaffen.
Damit hätten wir aber nicht alles gesagt, was zum vollen Ver-ständnis der Heineschen Litteraturbetrachtungen erforderlich ist.Um das Verhältnis des deutschen Dichter-Kritikers zur französischenLitteratur, zu Frankreich überhaupt im richtigen Lichte zu sehen,müssen wir erstens über die an Idiosynkrasie grenzende Antipathie-Heines gegen England, zweitens über seinen Napoleonkultus, derjenen Hass genährt, drittens über seine geistigen Beziehungen zuFrankreich und endlich viertens über seinen persönlichen Verkehr-mit berühmten französischen Zeitgenossen einige Worte sagen. —
Heine hatte einen ausgesprochenen Widerwillen gegen das Volkder Briten. Shakespeare, den er vergötterte, Byron, mit dem er siebin inniger Seelengemeinschaft verbunden fühlte, sie beide betrachteteer gar nicht als Engländer. Schon Hermann Marggraff suchte sich,noch zu Lebzeiten Heines diesen Britenhass zu erklären (Bl. f. litt.Unterhaltung No. 50, 1854):
„Es liegt die Antipathie gegen die Engländer wohl auch inseinem Blute, seiner Bildung und geistigen Bichtung. Heine ist einMann des Esprit, versetzt mit nur zu vielem deutschen derbkörnigenCynismus. Sein Humor hat gar nichts Englisches, beugt sich vorkeinem Sittengesetz, keiner Autorität, zeigt sich unbändig in Wortenund Anschauungen und respektiert nichts ausser seinem Gelüste,zügellos zu sein. Der englische Humor bewegt sich auch mit vollerdreister Freiheit, aber nur in gewissen Grenzen, die er nie über-schreitet, die er sich selbst zieht. Durch diese englische Respekt-mässigkeit fühlt sich Heine höchlich geniert."
Wir lassen hier nur einige der charakteristischen Ausfälle Heinesgegen John Bull folgen:
„Es sind wunderliche Käuze, diese Engländer. Ich kann sienicht leiden. Sie sind erstens langweilig, und dann sind sie unge-sellig, eigensüchtig, sie quäken wie die Frösche, sie sind geborene-Feinde aller guten Musik, sie gehen in die Kirche mit vergoldetenGebetbüchern, und sie verachten uns Deutsche, weil wir Sauerkrautessen . . . . l )
.... „Ich gestehe es, ich bin nicht ganz unparteiisch, wennich von Engländern rede, und mein Missurteil, meine Abneigung,wurzelt vielleicht in den Besorgnissen ob der eigenen Wohlfahrt, obder glücklichen Friedensruhe des deutschen Vaterlandes. Seitdemich nämlich tief begriffen habe, welcher schnöde Egoismus auch im
Franz. Zustände, Art. VIII.