«ines Kompendien-Ausdrucks zu bedienen: Heines Litteraturgesckichteist „mit Vorsicht zu gebrauchen." Nein, nur ein wenig Verstandund Vorkenntnis sind von Nöten. Parodie und Satire, die Heineso meisterhaft handhabt, sind oft deutlichere Fingerzeige als ge-lehrtes Pathos. Als Lehrbuch für höhere Töchterschulen oder Gym-nasien sind diese Blätter allerdings wenig geeignet. Um so grösserenGenuss werden sie jedem Gebildeten und vor allem dem Fachmannebeizeiten. Einen besonderen Reiz gewinnen sie durch die stets litte-r&tiwvergleichende Darstellungsweise. Bevor sich Heine in diefranzösische Kultur hineinlebte, war sein Geist schon ganz nachDeutschlands Dichten, Denken und Empfinden gemodelt; ehe er demfranzösischen Schriftstellertum persönlich und geistig näher trat, hatteer sich daheim Poetenruhm, aber auch ausgebreitete litterarische,philosophische und historische Kenntnisse erworben; bevor er sich inder Seinestadt niederliess, hatte er den Stadt-Koloss an der Themse■besucht, Englands Menschen, Vergangenheit und Gegenwart der Britenund ganz besonders ihren grossen Dichter-Heroen an Ort und Stellestudiert; bevor er Stammgast der Pariser Boulevards wurde, war erauf den Trümmern des alten römischen und des Renaissance-Italiensgelustwandelt. Als "Weitgereister, der sich in der Fremde einenfreien Blick geholt und kleinliche Denkungsart abgestreift, dessenGeist und Wissen, — wenn der Sportausdruck gestattet ist —international trainiert worden war, kam Heine nach Paris. Und sogab es sich denn von selbst, dass er die französische Litteraturim Spiegel der Weltlilteratur betrachtete, dass er französisches'Wesen und Seelenleben immer vergleichend schaute und meistdurch Gegenüberstellung anglo-germanischer Art prüfte. —
Für die Heineforschung ergeben sich aus dieser Zusammen-stellung zwei bemerkenswerte Gesichtspunkte. Einmal Heines hervor-ragende Bedeutung in der Entwickelung und Vertiefung der littera-turgeschichtlichen Darstellungsweise. Goethes grossartige Vorstel-lungen von der Weltlitteratur, hat er sich wie keiner zu eigengemacht. Und wie keiner, bat er es verstanden, den geistigenHauptströmungen, dem internationalen Leben in der nationalenLitteratur nachzuspüren. Und zweitens geht aus den hier folgendenBetrachtungen sonnenklar hervor, dass trotz Tambour Legrand und■des französischen Lyceums, trotz der 25 in Paris verbrachten Jahre,trotz der zahlreichen Pariser Freunde, der gastlichen Aufnahme inder Weltstadt und der französischen Gattin, dass trotz alledemHeines Urteil frei und unbeeinflusst blieb. Es geht daraus her-vor, dass der als Franzosenschwärmer und -Schmeichler verschrieenedeutsche Dichter denen, die ihm Asyl gewährten, die bittersten Pillenzu schlucken gab, ihnen die herbsten Wahrheiten sagte und oft seineboshaftesten Witze auf sie los Hess. Und endlich erfahren wir, dassHeine, mag er zuweilen auch verletzend und cynisch gespottet haben,deutsche Geistesschöpfungen und ihre Mittel unendlich höher schätzte,als die seiner zweiten Heimat. Und wenn wir bedenken, dass Heines