Druckschrift 
Vier Gespräche über die Malerei, geführt zu Rom 1538
Entstehung
Seite
45
Einzelbild herunterladen
 

— 45 —

Großthaten willen zu haben wünscht. Desgleichen die Schönheiteiner unbekannten Frau, von der uns viele Meilen trennen — einVorzug, den Plinius ganz besonders preist. Den Todten erhältsie uns für lange Zeit lebendig, wenn uns ein treues Abbild vonihm bleibt: so tröstet sie die Witwe, die täglich das Antlitz desverstorbenen Gemahls betrachten kann; und die Söhne, die alsKinder zurückblieben, freuen sich, wenn sie Männer gewordensind, die Züge des theuren Vaters zu kennen, und empfinden vorihm Ehrfurcht und Scheu.« 53

Hier hemmten Thränen fast die Stimme der Marchesa,weshalb Messer Lattanzio, um sie von trübem Sinnen abzuhalten,noch fortfuhr:

— »Wenn wir alle diese so großen Vorzüge der Malerei,

von denen schon die Rede gewesen ist, beiseite setzen, | muss man f. 112,noch fragen: wer anders, wenn nicht die Malerei, verleiht denGegenständen Schönheit, es seien Waffen, Tempel, Paläste,Festungen, oder welches Ding sonst kunstvollen Schmuckes wertist? Darum behaupten große Geister, nichts anderes als die Malereimache den Menschen unsterblich und schütze ihn gegen den nei-dischen Zahn der Zeit. Dasselbe dachte Pythagoras, als er aus-sprach: Nur in dreierlei Beziehung komme der Mensch demunsterblichen Gotte gleich: durch die Wissenschaft, die Malereiund die Musik.«

Meister Michael aber fügte hinzu:

— »Wahrlich, Messer Francisco, wenn man in EuremPortugal die Schönheit der Malereien sähe, welche einige Bau-werke hier in Italien schmücken, Ihr würdet dort nicht so'unmusikalisch« sein, sie zu missachten, sondern sie zu besitzenwünschen. Nicht erstaunlich hingegen ist es, dass Ihr wederwürdigt noch versteht, was Ihr niemals gesehen habt, noch besitzt.«

Hier erhob sich Michel Angelo, zum Zeichen, es sei Zeit fürihn, nach Hause zu gehen; und auch die Frau Marchesa stand auf.Ich aber bat sie, mir zu gewähren, dass die ganze erlauchte | Ver- f- 112Sammlung für den nächsten Tag zur selben Stelle entboten würde;besonders aber solle Michel Angelo nicht fehlen. Sie erfülltedarauf meine Bitte; und auch er versprach, zur Stelle zu sein.

Nachdem wir dann insgesammt die Marchesa hinausgeleitethatten, gieng Messer Lattanzio mit Michel Angelo von dannen.kh aber und der Spanier Diego Zapata 54 begleiteten die Marchesa