234 II. Vom Tode Karl's d. Gr. bis zur Einführung der Feuerwaffen.
Feldherr, und in dieser Hinsicht kann er nicht einmal mit Attila,Theodorich u. s. w. in eine Reihe gestellt werden, noch weniger etwamit dem späteren Ds chingis-Khan, Tamerlan, und den erstenSultanen der Turko-Osmanen. Dagegen zeigte er viele Züge der Aehn-lichkeit mit Carl XII. , und gleich diesem giebt er u. a. sein kaum erstentstehendes Reich dem Schicksal Preis für unkluge, ganz thörichte Kriegs-unternehmungen in weiter Ferne und auf Kriegsoperationen ohne Basis.
§• 78.Kriege in der Periode der Theilfürsten (1054—1243).
Die Bürgerkriege der russischen Fürsten in der Periode der Theil-fürsten bieten in kriegerischer Hinsicht fast denselben Anblick, wie diegleichzeitigen Kriege des westlichen Europas und wie bei den Tschechen,Polen, Ungarn, Serben, Donau-ßolgaren u. s. w. Um die Herrschaftüber Russland, den grossfürstlichen Thron, den Besitz von Kijew undNowgorod, später um die Unabhängigkeit ihrer Sonderreiche kämpfend,bewaffneten sich die Fürsten des einen Geschlechtes gegen die desandern, die Alten gegen die Jungen, der Ohm stand gegen den Neffenund umgekehrt in Waffen, man schloss Bündnisse mit einander, riefAusländer zu Hülfe: Polowzer, Ungarn, Polen, — Einer fiel in das Ge-biet des Andern ein, raubte und verwüstete, nahm die Städte weg, manvertrieb sich gegenseitig aus den Städten und Provinzen, manoperirte hauptsächlich im freien Felde, rasch, kühn, energisch, den Streitdurch die Schlacht entscheidend. bisweilen der Gewalt nachgebend undFrieden schliessend, aber nur um bei der ersten passenden Gelegenheitdie Verträge zu zerreissen und den Bürgerkrieg zu erneuern, bisweilenauch trotz des Missgeschicks oder der geringen Kräfte den Kampf bisaufs Aeusserste fortsetzend, in die Städte sich einschliesseud undalle Mittel erschöpfend, um das Uebergewicht zu erlangen, denGegner zu bewältigen und Einfall durch Einfall, Raub durch Raub,Verheerung durch Verheerung zu rächen und zu vergelten. Bei dieserArt von Kriegführung konnte natürlicher Weise von Regelmässigkeit derOperationen oder einer Basis t derselben keine Rede sein. Die Bürger-kriege in der ersten Hälfte der Periode der Trennung (1054—1157) zei-gen jedoch noch etwas mehr Einheit der Zwecke, Kräfte und Macht,als die Kriege der zweiten Hälfte (1157—1240). Von dem Tode Jaros-law's I. bis zu dem Ableben Georg Dolgoruky's bekriegten sich dieFürsten der älteren Linie aus dem Geschlechte Wladimir's I. mitdenen der jüngeren Linie desselben Geschlechtes, beide in der glei-chen Absicht, ihrer Linie den Vorrang in Russland zu verschaffen, womitdie oberste grossfürstliche Gewalt in der Person des ältesten Fürsten ausdiesem Geschlechte und zugleich auch der Besitz von Kijew und Nowgo-