Druckschrift 
Abth. 2, Das Mittelalter Bd. 1 (1880) Von 476 bis zur Erfindung des Pulvers, 1350
Entstehung
Seite
199
Einzelbild herunterladen
 

8. Die gleichzeitigen Völker in Ost-Europa und Asien. 199

in Bezug auf Kriegspolitik und Eegierung der Staaten und der unter-worfenen Völker.

Vor Beginn eines Krieges zog Dschingis-Khan umständlicheErkundigungen über die Landesbeschaffenheit, Einwohner, Streitkräfte,Huifsmittel und Quellen, und über den inneren Zustand des Landes oderReiches ein, welches er angreifen wollte, knüpfte heimliche Verbindungenin demselben an, suchte Unzufriedene in seine Dienste herüber zu lockenu. s. w. Diese Nachrichten gewann er durch Gesandtschaften, Handels-beziehungen und Kundschafter. Der Krieg wurde in einer Kuriltaioder allgemeinen Volksversammlung (Reichstag) beschlossen, in Gegen-wart des Khans, seiner Verwandten und seiner vornehmsten Würden-träger. Hierbei wurde die Anzahl der Truppen, die Zusammensetzungder Armee, die Zeit und der Ort für deren Zusammenziehung u. s. w.festgestellt. Ausserdem muss angeführt werden, dass, als das Mongolen-reich sich gewaltig ausdehnte, Dschingis-Khan behufs besserer Ver-bindungen Posten einrichtete und auf den Hauptpoststrassen Truppencorpsaufstellte zum Schutze der Reisenden und zur Sicherung des Handels. InFolge dessen konnten auch die Anordnungen für Einberufung der Trup-pen bequem und rasch ausgeführt werden.

Wenn der Krieg beschlossen und alle Anordnungen dafür erledigtwaren, so forderte Dschingis-Khan den Herrscher des feindlichenLandes kurz, aber klar und trotzig auf, sich entweder ihm bedingungsloszu unterwerfen, oder Alles ohne Ausnahme zu verlieren. Im ersterenFalle wurde der sich Unterwerfende verpflichtet, Bürgen (Geiseln) zustellen, eine Zählung seines Volkes zuzulassen, mongolische Statthalter(Regenten) aufzunehmen, den Zehnten von den Landesprodukten zu zah-len, den 10. Mann zum Heere zu stellen, und für Jeden derselben100 Stück Vieh zu liefern. Im andern Falle eröffnete Dschingis-Khansofort den Krieg durch einen Einfall in das feindliche Land von mehrerenSeiten, wodurch er den Gegner zweifelhaft machte, wo er ihm seine ge-sammte Macht entgegenstellen sollte, oder ihn zur Theilung derselbenveranlasste. Wenn die Armee von 100,000 Reitern zu Felde zog, soschickte sie Sicherheits- und Kundschaftscorps zwei Tageritte weit vor-aus, wie nach beiden Seiten und nach hinten, um nicht unver-muthet" überfallen werden zu können. Hinter ihr her wurden dieViehheerden und eine grosse Menge von Handpferden geführt (nachMarco-Polo im Durchschnitt 18 Pferde und Stuten für jeden Reiter,um wechseln zu können); ermüdete, entkräftete Pferde wurden zurück-geschickt.

Stiess Dschingis-Khan auf keinen Widerstand, so drang er wei-ter in das Land vor, verheerte auf seinem Wege Alles, nahm die Heerden