7. Slawen und slawische Reiche. 165
und Keiter fochten wahrscheinlich in geöffneter oder aufgelöster Ordnung,der grösseren Freiheit halber in der Bewegung des einzelnen Schützenoder Reiters, — die Pikeniere in geschlossener tiefer Masse (Phalanx).Bisweilen kamen verstellte Rückzüge, Scheinbewegungen, Umgehungenund Angriffe auf Flanke und Rücken, Ueberfälle und Hinterhalte vor.Mitunter suchte das angreifende Heer auch den Feind zu umfassen undvon allen Seiten einzuschliessen. Den Sieg entschied gewöhnlich dasHandgemenge, und bei diesem die überlegene Anzahl, persönlicher Muthund Tapferkeit, körperliche Kraft und Gewandtheit, nicht selten auchplötzliche Angriffe in Flanke und Rücken, Umgehung oder Ueberfall,bisweilen aber auch die geschickten Anordnungen des obersten An-führers und die Uebereinstimmung der Bewegungen und Operationender Truppen. Eine Folge der Eigenthümlichkeit der Bewaffnung undKampfart der Heere war es, dass die Schlachten fast immer mit dervollkommenen Niederlage des einen Theiles von Beiden, Vernichtung,Gefangennahme und Zersprengung aller oder der meisten seiner Truppenendeten. Der Sieger blieb nach erfochtenem Siege gewöhnlich mehrereTage auf dem Schlachtfelde, um den Sieg zu feiern, mitunter aber ver-folgte er den geschlagenen Feind mit aller Macht bis auf Aeusserste.
§.57.Innere Organisation und Geist der Heere.
Der Grossfürst war, wie schon oben gesagt, der oberste Führer desVolkes und der Befehlshaber der bewaffneten Macht desselben. Aber zurZeit der Bürgerkriege unter den Theilfürsten schwächte sich dieses Rechtab, und der Grossfürst war nur noch der oberste Anführer seiner gross-fürstlichen Druschinen und derjenigen der mit ihm verbündeten Theil-fürsten. In den Bündnissen der Letzteren gegen den Grossfürsten fiel dasRecht der Führung dem an Jahren ältesten der Theilfürsten zu.
Unter dem Oberbefehle des Grossfürsten oder der ältesten Theil-fürsten befehligten die jüngeren Theilfürsten und Unterbefehlshaber dieTruppen: Wojewoden, Tausender, Häuptlinge, Sotniki oder Hunderter,Dessjatniki oder Zehner. Die höchste Kriegs- und Adels- (Hof-) Chargewar die des Wojewoden, welche seit Wladimir I. eine Belohnung fürbesondere kriegerische Auszeichnungen und Verdienste war. Jeder Theil-fürst, jede Stadt hatte gleich dem Grossfürsten ihre Wojewoden, welchezur Kriegszeit die Heerführer, in Friedenszeiten aber die Rathgeber, Stell-vertreter , Statthalter der Fürsten waren und mit der militärischen diebürgerliche Gewalt vereinten. Die Stelle des Tausender bekleidete derzweite Wojewode, hauptsächlich in Städten, den Rang der Häuptlinge,Hunderter und Zehner die niederen Offiziersgrade. Die gemeinen Solda-ten hiessen Ratnik (Soldat). Im Allgemeinen muss man sagen, dass die