164 II. Vom Tode Karl's d. Gr. bis zur Einführung der Feuerwaffen.
geschlossener, bald in zerstreuter Ordnung, bald attakirend, bald zurück-weichend, oder im Handgemenge in geschlossener tiefer Masse fechtend,wobei sie mehr durch numerische Ueberlegenheit, durch Kriegslisten,Geheimhalten ihrer Operationen und Plötzlichkeit des Angriffs zu siegensuchten, als durch Tapferkeit und Kunst, in der Nähe der Städte mehrwagten als im offenen Felde, und häufiger als sonst zur Verstärkungihrer Stellung und ihrer Unternehmungen durch das Terrain und durchgeschickte Hindernissmittel schritten. Der mongolische oder asiatischeEinfluss erstreckte sich indess nicht auf die Aufstellung und Kampfweiseder russischen Krieger im nördlichen, westlichen und südwestlichenRussland, wenigstens nicht in so hohem Maasse, als in Ost- und Süd-Russland. Es ist höchst wahrscheinlich, dass hinsichtlich der Aufstellungund Kampfart die Russen viel entlehnten: in Nord-Russland bei denSchweden und lief ländischen Rittern (Deutsch-Rittern), im Westen undSüd-Westen bei ihren Nachbarn, den Polen und Ungarn.
Marschordnung und Operationen der russischen Truppen im Feldebieten, in der alten Zeit, im Allgemeinen folgende Hauptzüge:
Nachdem das Heer sich auf dem bestimmten Sammelplatze um seineBanner geschaart hatte, zog es zu Felde, voraus die Wächter oderAvant-Garde,' welche den Weg und den Feind zu erkunden hatten, Ge-fangene ausfragten und das Hauptheer vor plötzlichem feindlichen An-griffe sicherten. Hinter dem Heere folgten auf Wagen und Lastthieren,oder auf Schiffen den Flüssen nach die Bagagen. Lebensmittel und Vor-räthe, die Habe der Fürsten, der Feldherrn und Vornehmen, bisweilenauch schwere Maschinen und Waffen der Krieger. Während des Feld-zuges lagerte das Heer in Zelten, sich mit Wagen oder einem Zaunumgebend, in der Nähe des Feindes ausserdem durch Lagerwachen,Patrouillen und ähnliche Sicherheitsmassregeln gesichert. Näherte mansich dem Feinde oder stiess man auf ihn, so trat d#s Heer ganz unterWaffen und pflanzte die Banner auf, d.h. formirte sich zum Kam-pfe, einige Druschinen in der Mitte, andere auf den Flügeln, noch andrehinter dem Rücken zur Unterstützung oder, was häufig geschah, nament-lich in der mongolischen Periode, versteckt im Hinterhalt. Bisweilengingen beide feindlichen Heere, sobald sie formirt waren, ungesäumtzum Kampfe über, mitunter aber blieben sie unthätig sich gegenüberstehen, nur durch häufige Bewegungen und Scharmützel einander beun-ruhigend, bis endlich irgend welcher besondere Umstand oder die Not-wendigkeit den allgemeinen Kampf herbeiführte. Bisweilen auch lager-ten die Einen oder beide Heere in der Defensive, sich durch Terrain-undkünstliche Hindernisse verstärkend. Gewöhnlich begannen die Bogen-schützen den Kampf, dann machten die Pikeniere und die Reiterei einenungestümen Vorstoss und gingen zum Handgemenge über. Die Schützen