6. Die Kriege dieser Periode. 127
lange und vergeblich den Nil zu überschreiten. Endlich (am 23. Januar1250) zeigte ein Beduine ihnen eine Furt. Der Graf von Artois ging ander Spitze der Templer- und Johanniter-Ritter und einiger Engländerzuerst durch den Nil: von unkluger Verwegenheit fortgerissen stürzte ersich, ohne den Uebergang der Hauptmacht abzuwarten, auf die Sara-zenen, durchbrach und warf ihr Centrum und verfolgte sie bisMansurah.Die Sarazenen geriethen zuerst in Verwirrung, bald aber verlegten siediesem kleinen Häuflein den Rückweg, umzingelten es und machten esnieder. Das hierdurch in Schreck gesetzte Heer der Kreuzfahrer warkaum von der Flucht zurückzuhalten, nur mit der grössten Mühe ver-mochte Ludwig es in Ordnung und Gehorsam zu erhalten. In der Nachtwurde eine Brücke geschlagen, der im Lager zurückgelassene Heeres-theil herangezogen, bei Tagesanbruch aber führten die Sarazenen einenallgemeinen Angriff auf die Kreuzfahrer aus. Ein heisser und blutigerKampf setzte sich bis tief in die Nacht fort und endete unentschieden.Das Kreuzheer hatte indessen solche enorme Verluste erlitten, dass es insein Lager zurückkehrte. Die Klugheit forderte sogar einen weiterenRückzug, denn noch stand der Weg zu demselben offen. Unentschlossenaber, oder nach damaligen Begriffen einen Rückzug für schimpflich hal-tend, blieben die Kreuzfahrer in ihrem Lager stehn. Die Sarazenen,deren Zahl sich stets vergrösserte, umschlossen sie eng in demselben:Hunger und verheerende Krankheiten verursachten eine grosse Sterblich-keit bei den Christen, verringerten ihre Zahl und brachten sie in dieäusserste Noth, sodass sie gezwungen waren, den Rückzug nach Da-miette anzutreten. Aber auch hierzu war es zu spät: von überlegenenKräften der Sarazenen umzingelt, geschwächt und ermattet, konnten sienur mit Mühe vorwärts kommen und waren endlich genöthigt, sich zuergeben. 30,00Ü Christen wurden niedergehauen, Ludwig mit seinenbeiden Brüdern, 2300 Rittern und 15,000 Kreuzfahrern gerieth in Ge-fangenschaft. Nach Verlauf eines Monats wurde zwischen Ludwig unddem ägyptischen Sultan Moadham ein Vertrag abgeschlossen, kraftdessen 1) den Christen alles Land in Syrien verblieb, welches sie vorLudwig's Eintreffen besessen hatten, 2) zwischen Christen und Sara-zenen ein zehnjähriger Waffenstillstand geschlossen wurde. 3) alle Ge-fangenen ausgewechselt werden sollten, und 4) Ludwig für seine Aus-lösung die Summe von etwa 3,179,000 frz. Livres zu zahlen und Damiettezurückzugeben hatte. In Folge dessen schiffte sich Ludwig, nachdemer Damiette zurückgegeben, mit den schwachen Resten seines Heeresnach Akkon ein. Trotzdem seine Anwesenheit in Frankreich sehr nöthigwar, blieb er bis zum J. 1254 in Palästina, und es gelang ihm währenddieser Zeit durch kluge Benutzung der inneren Zwietracht unter denSarazenen, ihnen einige Vortheile für die Christen in Palästina abzuge-