90 I- Bis zum Tode Karl's d. Gr. (814).
Man muss annehmen, dass dies in den letzten RegierungsjahrenKarl's d. Gr. seinen Ursprung nahm, nach dessen Tode sich über ganzWest-Europa verbreitete und seine höchste Entwicklung, Macht undBlüthe in der Periode der Kreuzzüge und unmittelbar nachher hauptsäch-lich in Frankreich und Italien erlangte. Bald begehrten alle vornehmenund edelgeborenen Männer dem Ritterstande anzugehören, als höchsteAuszeichnung und Belohnung für ihre Ehre und ihren Muth. Die dessennicht würdig befundenen Adeligen genossen keine Achtung und zähltenzu den Junkern. Und anfänglich zeichnete das Ritterthum sich in derThat durch viele Tugenden und vortreffliche Eigenschaften aus, in derFolge aber fing es allmählich in sittlicher Beziehung zu sinken an undergab sich der Unmässigkeit, Streitsucht, Habsucht; allerlei Mängel,Schwächen und selbst Laster rissen ein, die den früheren Tugenden undVorzügen gerade zuwiderliefen. Und im Laufe der Zeit verwandelte sichein grosser Theil der Ritter aus Vorkämpfern der Ordnung und Be-schützern der Schwachen in Feinde der Ordnung und Bedränger derUnschuldigen und Schwachen.
Zur Erlangung der RitterwUrde waren viele Bedingungen erforder-lich (Alter von 21 Jahren, Abstammung von altem nachweisbarem Adel,genügende Vorbereitung als Page — bis zum 14. Jahre — und dann alsWaffenträger u. s. w.). Der Aufnahme in den Ritterstand gingen vielereligiöse und kriegerische Ceremonien, Ableistung eines besonderen Eides,Bekleidung mit der vollen Ritterrüstung und endlich ein Turnier voraus,und im Kriege die Zuweisung eines besonders gefährlichen Postens imAngesicht des Feindes.
Mit dem Entstehen des Ritterthums fingen gleichzeitig auch dieritterlichen kriegerischen Uebungen und Spiele an, welche unter demNamen Turniere (Turnern, Tournois) bekannt sind, und in Wettrennenzu Pferde, Schwertkämpfen zu Pferde und zu Fusse, Speerwerfen,Bogenschiessen, Scheintreffen ganzer Abtheilungen, Angriff und Verthei-digung von hierzu express erbauten hölzernen Burgen u. s. w. bestanden.Alle diese ritterlichen Spiele und Uebungen hatten ihre Gesetze und Re-geln, unter welchen auch diese war, dass nur mit stumpfen, nicht mitscharfen Waffen gekämpft werden durfte. Indessen arteten trotzdem dieseSpiele nicht selten in blutige Kämpfe aus, bei welchen Viele auf demPlatze blieben.
Alles hier vom Ritterthum Gesagte hatte seine gute und seineschlimme Seite. Es erhöhte unzweifelhaft den kriegerischen Beruf desRitterstandes, nährte und stärkte in ihm den kriegerischen Geist, ent-wickelte die körperliche Kraft, Gewandtheit und Kunst in Handhabungder Waffen und bildete jeden Ritter zum ausgezeichneten Reiter undKriegsmann zu Pferde, — die gesammte Ritterschaft aber zu einer vor-