1. Kriegskunst und Kriegswesen bei den Völkern germ. Abstammung etc. 31
Dies war im Allgemeinen und nach ihren Haupt-Grundzügen die ur-sprüngliche, vorherrschende öffentliche und Kriegs-Organisation, welcheunter dem Namen der Allodial-Verfassung sich in den Staatenentwickelte und feststellte, die von den Völkern germanischen Stammesin den durch sie eroberten Provinzen des ehemaligen weströmischen Rei-ches begründet worden waren.
Aber im Laufe der Zeit änderte sich darin mancherlei. Die Könige,in dem Wunsche ihre Macht zu verstärken und die Zahl der ihrer Personangehörenden Leute zu vermehren, ringen an, eigene und fiscalische(Staats- 1 Grundstücke an die ihnen nächststehenden oder andere ihrerDienstmannen als lebenslängliche Lehen zu vergeben Lehn, Feod, Fief,d. h. verliehen oder geschenkt unter gewissen Bedingungen), mit derVerpflichtung der treuen Ergebenheit gegen den König und der auf desLetzteren Geheiss zu leistenden Heerfolge mit den ihnen Untergebenen involler Kriegsausrüstung, als des Königs eigene Truppen. Die solcheBesitztümer oder Lehne erhaltenden Personen traten damit zugleich indie Zahl der königlichen Leute (Leudes, Lide) oder Vasallen (Vassi,Vassalen, von dem celtischen Worte Gwas). Sie schwuren dem Königeden Eid der Treue, weshalb sie auch Antrustiones (Getreue, von»Trust, Treue«) genannt wurden. Da mit dieser Stellung viele Vorrechte,und Vortheile, Ehren, Belohnungen, Leben am königlichen Hofe u. s. w.verknüpft waren, so fanden sich zu der Zahl dieser königlichen Leuteoder Vasallen auch viele Barone oder Allodial-Besitzer. Sie erklärtenfreiwillig ihre angestammten und erblichen Besitzungen zu königlichenLehnen oderFeoden, bildeten eine Art höchsten Adels, dienten am könig-lichen Hofe, bekleideten die höchsten Staatsämter und Stellen und führ-ten den Namen Optimates ;Viri fortes, meliores franci, Beste, ange-sehenste Leute). Die übrigen Leute' oder Vasallen lebten auf ihrenLehnen, hielten die Ruhe in ihren Provinzen aufrecht und schützten diekönigliche Gewalt gegen innere und äussere Feinde. So hatten nun dieKönige schon nicht mehr nöthig, den Heerbann oder das Allodial-Volks-aufgebot zu berufen, welches auch allmählich in Verfall gerieth und deskriegerischen Geistes und der Kriegserfahrung verlustig ging. Im Falleines Krieges wurde es durch die besser organisirten und weit kriegeri-scheren Schaaren des Königs und seiner Optimaten, Leute und Vasallenersetzt.
Damit aber das -Verleihen von Lehnen seinen Zweck, Verstärkungder königlichen Macht in jenen finstern und stürmischen Zeiten, wirklicherreichen konnte, war es unerlässlich, dass die Könige selbst fähigetüchtige Männer von festem Charakter und starkem Willen waren. Daaber im Gegentheil sie meist unfähige, schwache, vielfach tadelnswertheMänner waren, so hatte das System der Belehnungen nur grosse Miss-