298 Dritter Theil. Der Gelegenheitsverbrecher.
als 100000 Lire entwendet wurden. Er gestand, aber nichtvollständig und sieht noch heut nicht ein, dass er ein Unrechtbegangen hat. Er liebte seinen Sohn aufs innigste und seinVerlust schmerzt ihn sehr, aber seine Erau hat er nicht gernund hat sie gemissbandelt. In Religionssachen ist er lau,geht zwar zur Kirche, aber nicht oft. Politisch ist er füreine liberale, aber gerechte Regierung; seine Vaterlandsliebeist lebhaft. Er ist sehr intelligent, und leidenschaftlich fürdie Arbeit eingenommen. In seinem Dorfe hatte er mancheglückliche Spekulation ausgeführt, die aber doch für einenLandmann etwas seltsam erscheinen. Er hat Theater ein-gerichtet, öffentliche Wege gebaut, weshalb man ihn für einOriginal ausschrie und wir ihn für nicht richtig erklären. Erist niemals krank gewesen. Er wurde freigesprochen.
G. D., 43 Jahre alt, von unbekannten Eltern ab-stammend, hatte im Dienste von B. Wein- und Selters-wasserflaschen versteckt, um sie auszutrinken. Als Waise warer nach Cottolengo gekommen, von da aber entflohen undhatte sich im Alter von acht Jahren eine Zeitlang umher-getrieben, nachher aber auf den Feldern gearbeitet, ohne sichetwas zu Schulden kommen zu lassen. — KretinenähnlicheGesichtsbildung, Henkelohren, Kephalon mit ausgesprochenerB-rachykephalie (85,8) und Schädelkapazität von 1656 ccm,voluminösen Stirnhöhlen, Bartmangel; enorme Tastabstumpfung(7 mm), normale Schmerzempfindlichkeit. Er ist so kurz vonGedanken, dass er nicht weiss, wie viel Tage der Monat hat,weshalb ihn seine Herren beim Abrechnen öfter betrogen;sein Gedächtniss ist schwach, besonders in Bezug auf seineKindheit, sein sittliches Gefühl stumpf, er liebt Niemand.Eine Frau nahm er, weil ein Herr dazu antrieb, es war eineProstituirte, die ihn bald verliess. Der Verlust seines Kmdesschmerzte ihn nicht, und als Letzteres begraben werden sollte,ging er nicht zum Todtengräber, weil er zu müde war. Erglaubt an Gott. „Warum auch nicht an ihn glauben,da er Sonne und Regen schickt?" — Das Einzige,was ihm Vergnügen machte, war, seine kleinen Ersparnissezum Bau einer Hütte zu sammeln, in der er allein wohnen