Sechstes Kapitel. Der hysterische Verbrecher. 227
Aussage vor Gericht) fürchtet. Sie weiss 'sich aber über Nachtwieder einzuschleichen und mit dem Alten, man weiss ja wie,wenn man die Zähigkeit der Leidenschaften alter Leute kennt,zu verständigen. — In derselben Nacht fand man Coltelli voneiner Menge Wunden am Kopfe bedeckt und ermordet. Dieeinzige Person, die in der Kammer des Getödteten sich befand,war sie. Sie schreit gewaltig, erscheint, im Hemd am Fensterund thut, als ob sie auf die Strasse hinabspringen will, hataber Coltellis Brieftasche bei sich. Nun giebt sie an, sie seivon zwei Mördern, später nur von einem, aufgeschreckt worden,weiss aber nicht, nach welcher Richtung er geflohen sei. DieUntersuchung des Hausschlosses, an welchem sich Spuren ver-geblichen Aufbrechens von innen fanden, erwies, dass sie selbsteinen verunglückten Fluchtversuch gemacht hatte; keiner derNachbaren hatte ein Geräusch vom Aufschliessen der Thür ge-hört. Das Kaminloch, durch welches die Mörder angeblichgeflohen sein könnten, war überdies zu eng. Gleichwohl be-hauptete sie unverfroren, sie sei von Mördern bedroht gewesen,und nur, da ihre Lügen zu der Thatsache, dass man Niemandaus dem Hause hatte fliehen sehen, und zu dem Befunde derBrieftasche in ihren Schuhen und der Schmucksachen in ihrenKleidern nicht mehr stimmen wollten, räumte sie ein, siehabe den Mördern geholfen, sie sei aber nur die Mitschuldigeeines Banditen Pallotti, der sie zu dem Verbrechen verleitethabe, um sich für eine Schuld von 1800 L. zu decken, die sieauf die Juwelen für ihre Freundin Lodi verwendet hätte. DieAngaben, die sie machte, waren so bestimmt, dass die Lodiund Pallotti, obgleich sie reich-und unbescholten waren, ein-gezogen wurden. Im Gefängniss trug sie eine besondereFrömmigkeit zur Schau. Gleich beim Eintritt verlangte sie nacheinem Beichtiger und richtete ein Gebet in Versen an Maria
Marie ecoute ma priere,
En toi ie mets mon espoir;
Fais ma divine mere,
Que je puisse le revoir etc. 1
1 Merkwürdigerweise hat eine andere hysterische Verbrecherin, Mör-derin etc. im Gefängniss dasselbe Lied verfasst und hergesagt. (Legband.)
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