Sechstes Kapitel. Der hysterische Verbrecher. 219
Felsgestein einen Altar zu bauen, au dem sie ihre einge-bildete Vermählung feiern will. Oft treten diese „Krisen"periodisch ein — woraus eine weitere Aehnlichkeit mit Epi-lepsie erhellt.
6. Unter den Hallucinationen kommen überwiegend —wie bei den Trunksüchtigen — die Bilder von Ratten undSchlangen vor und wechseln ebenso wie dort heitere mittrüben Bildern ab.
7. Selbstmord. — Der Selbstmord wird weit öfter ver-sucht und simulirt, als wirklich ausgeführt und dann meistautomatisch und ohne Grund. Der Versuch dazu wird geräusch-voll vor einem grossen Publikum veranstaltet, ganz im Gegen-satz zur "Weise anderer Selbstmörder. — Eine nahm z. B.Opium, nachdem sie die Polizei zuvor davon benachrichtigthatte; ein Mann warf sich ins Wasser, wo eben ein Bootvorüb erfuhr.
8. Flucht. — Ein weiteres Merkmal ist — wie beiEpilepsie —, dass sie fliehen, in entfernte Gegenden reisen, zumTheil mit, zum Theil ohne Bewusstsein. — Sie entfernen sich3 oder 4 Tage lang von ihrem Hause, streichen einfach umheroder prostituiren sich und kommen zurück ohne ein Wort zusagen oder damit zu prahlen. Die hysterischen Frauen sind,gleich den Trunksüchtigen, ruhig im Gefängniss und protestirennicht gegen die Bestrafung.
9. Falsche Beschuldigungen. — In vielen Fällen er-heben sie wissentlich _ falsche Beschuldigungen gegen Diener,bloss um sich an der Qual derselben zu weiden und sie insGefängniss zu bringen, aus Hass oder weiblicher Eitelkeit. —Die häufigste Beschuldigung läuft auf Nothzucht hinaus.
Es 'giebt eine ganze Menge solcher Weiber, die ihrenVater, den Präfekten, vor allem aber den Geistlichen und denArzt wegen erdichteter Angriffe auf die Schamhaftigkeit ver-klagen.
Zum Glück sind die meisten dieser Anklagen so haar-sträubend, dass man sie nicht glaubt; indes in vielen Fällenerreichen sie dennoch ihren Zweck. Fast immer dienen Briefe,oft anonyme Briefe als Mittel.