Druckschrift 
2 (1890)
Entstehung
Seite
206
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206 Zweiter Theil. Der irre Verbrecher.

Tochter vor Napoleon zu verbergen, sie einer Amme, NamensChristiani übergeben habe, die sie schon in der Wiege habeerwürgen wollen. Unter ihren Liebhabern befand sich einfranzösischer Sergeant, der ihr von ihrem Bruder, dem Kaiser,zuertheilt worden sei.

Dieser Stolz auf ihre Geburt verliess sie nicht, und scheintes auch der Stolz auf ihren französischen Namen gewesen zusein, dass sie bei der Nachricht von den Verlusten der Fran-zosen im Kriege mit Preussen es nicht für möglich hielt, oderwenn es wahr sei, die Franzosen ihre besondere Absicht dabeigehabt hätten, sich niederwerfen zu lassen. Ihre Verrücktheitschob ihr also dieselbe Verkehrtheit des Urtheils unter, welcheauch den Sinn gesunder, aber zu sehr parteiischer Menschennicht selten beschleicht, wenn sie unliebsame Ereignisse nichtgelten lassen wollen, oder wenigstens sie zu bemänteln suchen.

Nichts kränkte sie mehr, als wenn man sie Christianinannte, sie wollte Vittoria Napoleon genannt seiu. Gleich-wohl hatte sie grosse Begabung für Stickarbeit; sie entwarfund führte selbst die elegantesten Zeichnungen aus, die sie mitentzückenden Mustern durchflocht, um die sie von vornehmenDamen beneidet wurde. Ihre Kunstfertigkeit zeigte sich be-sonders darin, dass sie den Zeichnungen dieselbe verschiedeneBeleuchtung gab, die man einem Basrelief oder einem Gemäldemit Farben zu geben vermag. Mit einem und demselbenZwirnsfaden z. B. stellte sie in der Zeichnung von Blumensamenoder Scbmetterlingsflügeln die Schattirungen des Halbdunkelsso meisterhaft dar, dass man ein Oelgemälde und nicht eineZeichnung ' vor sich zu haben glaubte. Viele ihrer Arbeitenschuf sie vor und nach ihrem Eintritt in die Irrenanstalt underwarb viel Geld damit, welches sie allerdings vor dem Eintrittfür den Trunk verschwendete. Sie gestand selbst zu, dass siezu viel. getrunken habe, daran aber seien ihre Eltern schuld,die ihr durch Verabreichung von Giften den Magen so ver-'dorben hätten, dass sie ohne Getränk nicht zu verdauen ver-mocht habe. Täglich ging sie zur Beichte in die Kirche,gleich darauf aber besuchte sie Bordelle, angeblich aus Mitleidfür die Prostituirten, in der That aber nahm sie das Wesen