Druckschrift 
2 (1890)
Entstehung
Seite
162
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162 Zweiter Theil. Der irre Verbrecher.

Fetisckdienst einen materiellen. Gegenstand anbetet, dem mangeheimnissvolle Kräfte zuschreibt, so wird in den beregtenFällen die Theilerscheinung einer lebenden Person verehrt(ein Äuge, eine Haarlocke u. dergl. m.). Wir sind in Sachender Liebe sämtlich Fetischdiener, aber hier handelt es sich umden grossen Fetischdienst, wie es einen grossen und einenkleinen Hysterismus giebt. Ein schöner, reicher Mann heiratheteine arme, hässliche Frau um ihres Geruches "willen; das istein Fall von kleinem Fetischdienst; ein junger Mann verliebtsich in die Locke einer ihm unbekannten Frau und ist soberückt, dass er sie ihr auf offener Strasse abschneidet, dasist der grosse Fetischdienst.' 1

Binet zieht daraus den Schluss, dass die geschlechtlicheVerirrung einen verallgemeinernden Charakter trage, währenddie (reine) Liebe dahin strebe sich auf eine Person zu kon-zentriren.

In der That hat auch Darwin bei den Wilden dieNeigung gefunden, gewisse natürliche Körperformen, denen sieden Vorzug geben, stärker hervorzuheben. Unter den vielendahin gehörigen Gebräuchen ist die bei den Eingeborenen derNord-Ostküste Amerikas übliche Sitte, den Kopf zusammen-zudrücken, um ihm die Form eines abgestumpften Kegels zugeben, die bekannteste. Auch in den Unarten der Mode desTages erkennen wir das Bestreben, gewisse Körperformen unszu Gefallen zu übertreiben. (Wir weisen nur auf die Tournureunserer Damen hin, die an das den Hottentotten-Gemahlen sowerthe. Fettpolster erinnert, dessen Umfang hei der Wahlder Gemahlin den Ausschlag giebt.) Geschmeide erregen da-durch die Sinnlichkeit, dass sie den Werth des von ihnengeschmückten Körpertheiles erhöhen. Kurz, man kann darausschliessen, dass der Fetischdiener alles aufsucht, was den leib-lichen Umfang und den des angebeteten Gegenstandes vermehrt."Ein anderes wichtiges Merkmal des Liebesgötzendienstesist es, dass das Betrachten oder Betasten des geliebten Theiles,des Auges oder Ohres eines Weibes, von lebhafterer Erregtheitder Genitalien begleitet ist, als es selbst beim Koitus der Fallist. Diese unnatürliche Liebe führt zur Enthaltsamkeit oder