Drittes Kapitel. Psychologie. Aehnlichkeit der Beweggründe. 115
massigsten Säufer wurde, obgleich er zuvor äusserst enthaltsamgewesen; nichts vermochte ihn zurückzuhalten; zuletzt trank erdrei Tage hintereinander fort, bis er starb.
Bisweilen rufen Anämie, Hysterie, Amenorrhoe, Ent-bindung und kritisches Alter die Anfälle hervor. Daraus er-klärt sich das verhältnissmässig häufige Vorkommen bei demweiblichen Geschlecht, welches ja sonst wenig zum Genussgeistiger Getränke neigt. Bei Männern begünstigen Epilepsie,beginnende allgemeine Paralyse (Morel fand unter 200 Geistes-kranken mit 35 Paralytischen 10 Dipsomane), Herzkrank-heiten, Tuberkulose, am meisten aber Erblichkeit den Aus-bruch. Gall fand das Leiden bei einem fünfjährigen Knaben,dem Enkel eines Trunkenboldes.
6. Nothzucht und Päderastie haben ihren Doppel-gängerin der sogenanntenkonträren Sexualempfindung,durch welche der Geschlechtstrieb in einen offenbaren Gegensatzzu der körperlichen Beschaffenheit des Kranken tritt, der dieBefriedigung des fleischlichen Gelüstes bei seinem eigenenGeschlechte sucht.
Die verkehrte Geschlechtsempfindung äussert sich, nachKeafft-Ebing [Psycliopathia sexualis, 2. Aufl.), nicht bloss indem brutalen Verlangen eines verkehrten fleischlichen Gelüstes(in Päderastie und Tribadie), sondern auch als krankhafterHang zu platonischer Liebe und zur ideellen Verehrung fürIndividuen desselben Geschlechtes, neben Abneigung und Unlustfür das andere Geschlecht. Dieser sonderbaren Anomalie passtsich oft das ganze Seelenleben des Subjektes an; es wirddaher (oft in hohem Grade) für dieselben Empfindungen em-pfänglich, die aus der normalen Liebe entspringen.
Tamassia 1 beschreibt einen gewissen P. C, einen Land-mann, dessen Oheime, der eine Idiot, der andere excentrisch,dessen Mutter hysterisch war und der von seinem 12. Jahrean Männern gegenüber schüchtern und vor Frauen auffallendverschämt sich zeigte. In der Schule hatte er wenig gelernt.Im Alter von 15 bis 17 Jahren liess er sein Haar lang
1 Bivista sperim. di fren., 1878, fasc. 1.