Drittes Kapitel. Psychologie. Aehnlichkeit der Beweggründe. 107
Saal der Pas Perdus, stürzt sich auf einen Advokaten und er-greift ihn bei der Gurgel; er wird angehalten, ins Gefängnissgeführt und mir noch an demselben Tage übergeben. Beimeinem ersten Besuche, den ich den Tag darauf machte, ister ruhig, nicht zornig, ohne Reue, und hatte die ganze Nachtgeschlafen; er zeichnet noch denselben Tag eine Landschaft,erinnert sich sehr wohl, was er tags zuvor im Justizpalastgethan und spricht ganz kaltblütig davon, aber er entsinnt sichweder der Beweggründe, noch der näheren Umstände dieserHandlung und fühlt auch keine Reue darüber. Er antwortetauf meine Fragen mit Höflichkeit, ohne Verstellung und mitdem Tone der Wahrheit: „Ich bin nach dem Justizpalast ganzohne irgend einen besonderen Zweck gegangen, ebenso wie ichnach jedem anderen Ort, in das Palais Royal, die Tuileriengegangen wäre; ich hatte es durchaus nicht auf den Advokatenabgesehen, zudem er mir ganz unbekannt ist, auch habe ichnie in irgend einer Verbindung mit einem Advokaten gestanden;es ist mir unbegreiflich, wie ich so etwas gethan haben kann,es hätte indes ebensogut an jedem anderen Orte und an jedemanderen Individuum geschehen können." Als ich ihm bemerkbarmachte, dass man diese Handlung nur durch eine augen-blickliche Krankheit erklären könne, antwortete er mir:„Erklären Sie sie, wie Sie wollen, ich fühle mich nicht krank,und kann auch nicht begreifen, wie ich dazu gekommen bin."Drei Monate hindurch, während welcher Zeit er unter meineAufsicht gestellt war, gab er sich nicht einen Augenblick eineBlosse, delirirte nicht, that nie etwas Unpassendes, Avar höflich,artig gegen Jedermann, unterhielt sich mit Zeichnen, Lesen,und zog die Einsamkeit der Gesellschaft vor.
Manchmal werden derartige Kranke durch einen innerenKampf bewegt, der zwischen dem Antriebe zum Morde undzwischen den Empfindungen und den Beweggründen, die siedavon abhalten, besteht, und dieser Kampf wird durch denTrieb zum Morde und durch die noch vorhandene Intelligenzund Empfindung veranlasst. Dies ist so wahr, dass man oftGeisteskranke findet, die nur den "Willen zum Morden habenund sich nicht dazu hinreissen lassen. Bei anderen dagegen ist