Zweites Kapitel. Selbstmord in Leidenschaft und Irrsinn. 39
schöner Sachen haben können, will aber lieber in Ehren sterben,•als dass ich das Leben einer Verlorenen führe."
■Oft denkt Derjenige, der das Leben zu verlassen im Be-griffe steht, an Diejenigen, die er zurücklässt, und bittet umVergebung für den Schmerz und Kummer, den er ihnen ver-ursacht (36 Männer und 9 Weiber). Die meisten derartigenBriefe sind an Verwandte, manche an Freunde und sogar Fremdegerichtet und sprechen von dem Bedauern sich trennen zumüssen, von unausweichlichem Zwang und von Verzweiflung,die ihnen nicht einen Augenblick Bube vergönnen.
„Du würdest schaudern über meine Qualen. Als ich dieLichter auf der Strasse brennen sah und bei mir dachte:Mein Leben wird früher als sie verlöschen, da empfandich eine Erschütterung, dass mir das Sehen verging. Ich habein meinem Leben viele Beschreibungen von Selbstmorden ge-lesen. Wie matt sind sie gegenüber der Wirklichkeit! DasKlirren dieser verdammten Waffe bringt mich zum Wahnsinn.Mein Gott, wie schwach bin ich! Ich glaubte, mehr Muth zubesitzen; als ich vor 2 Monaten an einem Säbelhieb sterbenzu müssen meinte, hätte ich das Leben ohne Klage verlassen.Warum erscheint es mir jetzt so schauerlich zu sterben?"
Freunde und Gefährten werden in solchen letzten Augen-blicken nicht vergessen, aber nur von Männern, die in 10 /2oder Summe dabei vertreten sind, was gewisserrnaassen die An-sicht eines Moralisten bestätigt, der beobachtet haben will, dassFrauen keine Freunde haben. Der Abschied von dem oder vonder Geliebten nehmen die vierte Stelle in der Reihenfolge ein.
4. Noth. — Das Protokoll weist nach, dass bisweilendas letzte Hausgeräth, ja sogar der Strohsack herhalten musste,um Feuer zu unterhalten. Im tiefsten Winter war einer derSelbstmörder, der, wie er schriftlich hinterliess, alles, was erbesass, verkauft hatte, um sich des Hungers zu erwehren, fastnackt bis auf's Hemd. (Brierre 1. c.) — Bisweilen sind esLeute, die' seit mehreren Tagen keinen Bissen gegessen haben,weil die Schwäche sie unter den ärmlichen Betten festhält.Brierre hat 5 solcher Fälle gesammelt. Scheinheilige Frömmlerhatten einer armen Frau die Unterstützung seitens der Wohl-