272 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers.
Zweites Kapitel.
1. Allgemeine Sensibilität. — Die Vorliebe derVerbrecher für eine so schmerzhafte und gefährliche Operation■wie das Tättowiren ist, dann die grosse Zahl der Wundenan ihrem Körper fiösste mir zunächst den Verdacht ein, dasssie wie viele Irre und insbesondere wie die an Tobsuchtleidenden, unempfindlicher gegen physische Schmerzen seien,als es sonst die Menschen sind. Auf Erkundigungen beiGefängniss Wärtern und Aerzten erfuhr ich in der That, dassdas bei mehreren der Fall sei. Ein Greis z. B., der wegenNothzucht bestraft war, Hess sich ein Glüheisen auf dasSkrotum appliciren, ohne einen Schrnerzensschrei auszustossen,und fragte danach, ob man mit der Operation zu Ende sei,als ob er dabei gar nicht betheiligt gewesen. Allerdings verfieler kurz darauf in Delirien. Ein Anderer Hess sich ohne diegeringste Erregung ein Bein amputiren und scherzte nachherdarüber. Ein aus dem Bagno der Insel S. entlassener Mörderzerfleischte sich die Eingeweide mittelst eines grossen Messer-stieles, als ihm der Anstaltsdirektor seine Bitte, noch daselbstverweilen dürfen, bis er Unterkunft und Brot gefunden habe,abgeschlagen hatte. Darauf stieg er die Treppe ruhig hinauf,legte sich in sein Bett und verschied einige Augenblicke da-nach, ohne auch nur einen Seufzer auszustossen. Der MörderDecourbes brachte sich absichtlich Wunden an den,, Beinenbei, um nicht nach Cayenne geschafft zu werden. Als ersteregeheilt waren, zog er mit einer Nadel ein Haar durch seineKniescheibe und starb infolgedessen. Man drin wurde vorseiner Enthauptung an 8 verschiedenen Stellen der Arme undBeine mit Zangen gezwickt und stiess keinen Laut dabei aus.B. riss sich vermittelst gepulverten Kalkes 3 Zähne aus, umsich unkenntlich zu machen; R. zerfetzte sich die Gesichtshautmit Glasscherben. — Im Zuchthaus von Chatam zählte man1872/73 841 Kontusionen oder Verwundungen, welche dieGefangenen absichtlich sich selbst beigebracht hatten. 27 der