Erstes Kapitel. Vom Tättowiren. 261
3. Ein anderes und häufigeres Merkmal der Sinnesrichtunggiebt uns dieObscönität der Zeichnung oder die Körpergegend,auf welcher diese angebracht ist. Schon oben führte ich an,dass die wenigen Soldaten mit obscönen Bildern oder mitsolchen an unanständigen Stellen aus Gefängnissen kamen undalte Ausreisser waren. Noch deutlicher wird das bei direkterBetrachtung der tättowirten Verbrecher. Unter 2480 Tätto-wirungen befanden sich 292 schlüpfrigster Art; bei 140 Ver-brechern war 5 mal der Penis, nach Lacassaönb unter 1333Tättowirungen 11 mal der Sitz derselben.
Einer hatte längs des Penis die Figur eines nacktenFrauenzimmers; ein Anderer auf der Glans einen Frauenkopf,dessen Mund das Orificium urethrae bildete, darüber dasSavoyer Wappen; Einer trug daselbst die Initialen seiner Ge-liebten, ein Anderer einen Blumenstrauss. Solche Dinge be-zeugen nicht nur die Schamlosigkeit, sondern auch die Un-empfindlichkeit jener Individuen, da gerade die bewusstenStellen die für Schmerz empfindlichsten am Leibe sind, auswelchem Grunde sogar die Wilden, die ihren Körper mitFiguren bedecken, und die Birmanen, wenn sie ihre Ver-urtheilten zur Strafe tättowiren, diese Stelle verschonen. DerSuliote, welcher von ihnen zur Strafe tättowirt wurde undvor einigen Jahren in Wien, Berlin, Kiel etc. sich sehen liess,ist wie ein persischer Teppich von unzähligen Thierzeichnungenund Arabesken bis in die behaarte Kopfbaut hinein bedeckt,seine Zeugungstheile aber hat man verschont. Unter denWilden giebt es nur wenige Frauen der Tahitier und Fitschi-Insulaner, die sich da tättowiren. — Jener Verbrecher, welcherauf so schamlose Weise tättowirt ist und nebenbei auf derBrust das Motto trägt: „Ich werde mich rächen!" ist zugleichVerfertiger von abgeschmackten, äusserst sentimentalen Liebes-reimen folgenden Schlages in fast wörtlicher Wiedergabe:
Stets unglücklich werd' ich sein, 0, so sage: Ich gewähre!
Keiner kann mir Hülfe geben. Schlägt im göttlichsten der Busen
Du allein und dein Verzeih'n Wirklich auch noch dir ein Herz,
Kann erhalten mich dem Leben. So besänft'ge, lieblich Antlitz,
Wenn ich das als Gunst begehre, Mindestens den grimmen Schmerz!