Drittes Kapitel. Maasse und Gesichtsausdruck. 245
auch ein französisches Sprichwort (Dieu me garde de l'hommesans barbe). In Piemont sagt man: „Schlimmer als Grindbleiche Wangen sind"; in Toscana; „Vor Männern ohne Bart,vor Weibern mit Bart euch wohl bewahrt"; in Sardinien,ähnlich wie das Lateinische „A mulieribus barbatis et inimicisreconciliatis cave" : „Homine de poga barba homine de poga proa(etwa: Mann mit wenig Bart ist wenig treue Art), oder: „Quihat mala ojada (Augen) traighet o furat" (verräth oder stiehlt).
Derartige französische Sprichwörter sind: „Barbe rousseet noir cheveux, ne t'y fie si tu ne veux." „Barbe rousse,noir de chevelure est röpute faux par nature." „Eemme barbuede loin la salue." Der Sinn aller dieser Sprichwörter ist indem Altfranzösischen: „Au vis le vice" („a vultu vitium") und„Visage farouche moeurs cruelles" (s. Etymologie der Sprich-wörter von Bellinger) und in dem Toscanischen: „II ciuffoe nel ceffo" zusammengefasst. — Das Toscanische: „Hütedich vor Einem, der lacht und dabei seitwärts blickt, und vorLeuten mit kleinen zwinkernden Augen" u. a. m. sind fürjetzt noch von zweifelhafterem Werthe. Indes hat der Volks-witz instinktmässig manches richtig getroffen, was der Wissen-schaft zu gute kommt, — so z. B. auch, was von der Nasegesagt wird.
Uebrigens haben schon unsere Altvordern ganz ähnlicheBeobachtungen über die Physiognomie der Verbrecher ange-stellt. In einer alten Abhandlung von Polemon (Ueber diePhysiognomie) finde ich folgendes: „Der böswillige Narrhat einen schiefen Kopf, langes Haar, grosse Ohren, kleinetrockene lauernde Augen." Ghiradelli (Kephalogia phy-siognomica. 1672) sagt: „Die kleine Stirn bedeutet Zornmuth"u. s. w. Im Prediger Salom. heisst es: „Die Geilheit desWeibes erkennst du am Aufschlag der Augen und an dendicken Augenliedern"; ferner in Sprüchen Salom. XVI. , 30:„Wer mit den Augen winkt, denkt nichts gutes, und wer mitden Lippen deutet, vollbringt böses."
3. Das instinktive Erkennen des Verbrechertypus isteine schwer zu erklärende Thatsache. Zweifellos giebt es aberPersonen, besonders unter den Frauen, die diese Gabe in