96 Erster Theil. Uranfang des Verbrechens.
für immer unschädlich gemacht wissen will, — der Widerstandgegen sie kommt eben von diesem Raehegefühl, das in Jeder-mann im stillen schlummert, auch in Demjenigen, welcher sichdavon am meisten frei erklärt, und das sich mit der einfachenUnschädlichmachung nicht genug befriedigt fühlt, sondern auchnoch die grausame Genugthuung haben will, Den leiden zusehen, der Andere leiden machte, d. h. doch nichts anderes alsdie Talion begehren, die man freilich bei ihrem wahren Namenzu nennen sich schämt.
16. Die allgemeine Verbreitung des "Verbrechens, die wirin einer gegebenen Epoche nachwiesen, und sein allmählichesVerschwinden infolge von neuen Verbrechen, welche dieSpuren ihres Ursprungs bis in unsere heutigen Strafen herein-getragen haben, lässt uns mehr noch als das Verbrechen beiden Thieren an der vorgeblichen „ewigen Gerechtigkeit" derMetaphysiker zweifeln und weist uns hin auf die wahre Ur-sache der beständigen Wiederholung des Verbrechens, sogarinmitten der civilisirten Rassen, auf den Atavismus.
Schliesslich kann uns der unsaubere Ursprung der Justizibre ungleiche Vertheilung zwischen den verschiedenen Völkernerklären, und was noch schlimmer ist, zwischen den ver-schiedenen Ständen. Während vom Katheder herab über dieewige Gerechtigkeit deklamirt wird, die für Alle gleich sei,findet der Arme nur - ausnahmsweise und aus Mitleid wirklicheGerechtigkeit, im Gegensatz zum Reichen, der viel eher alsder Arme Mittel findet, der Strafe zu entgehen und sie zumildern. Die Erinnerung dessen, dass die Justiz oft derAusfluss der Launen eines Despoten oder eines Priesters oderder Volksleidenschaft war, erklärt uns, weshalb viele Völkersich noch nicht von dem absurden, aber atavistischen Recht der„königlichen Gnade", und von der so zweckwidrigen, verderb-lichen und unsicheren, aber auch atavistischen Einrichtung,dem Schwurgerichte, befreit haben.