92 Erstes Theil. Uranfang des Verbrechens.
unreines, aber doch wirksames Mittel der Sittlichkeit, welcheaus diesem Grunde oft den Sieg davonträgt.
So war es im Anfang der Camorra, die eine Art vonVertheidigung geordneter Gewaltthätigkeit gegen anarchischeGewaltthätigkeit war. So waren im Mittelalter die Heilige Vehmeund die Hermandad berühmt, welch' letztere sich gegen dasRäuberwesen so nützlich erwies, dass die Könige von Spanienihr Vollmachten gaben und sie begünstigten, (du Boys IV.)Noch heute bilden die Nihilisten in Russland eine verbreche-rische Gesellschaft mit humanitärem Zwecke.
12. Ein ganz brutales ungerechtes verbrecherisches Re-pressionsmittel war die' „gerichtliche Menschenfresserei",wie sie Letoueneau nennt. So haben wir gesehen, wie bei denBattas die Ehebrecher, die nächtlichen Diebe u. B. w. dazuverurtheilt wurden, vom Volke aufgezehrt zu werden. Bei derVerbrecherin hatte der Gatte das Recht auf das beste Stück.(Letourneau.)
Auch auf der Insel Bow verzehrte man die Mörder, unddas ist der einzige Punkt Polynesiens, wo man die „gerichtlicheMenschenfresserei" konstatirt hat, die nach Bourgarel auchin Neukaledonien üblich war als öffentliche Rache gegen diezum Tode Verurtheilten, und die nach Marko Polo auch beiden Tataren Sitte war.
Wer kann sagen, wie viele Todesurtheile mögen diktirtworden sein von der Gefrässigkeit, von dem Appetit nachMenschenkotelettes? Und doch konnte diese scheussliche ver-brecherische Praxis, die sich noch erhielt, als die Civilisationschon etwas vorgeschritten war, dazu beitragen, die Verbrechenauszurotten!
Auch die Sitte der allgemeinen Kohabitation mit der Ehe-brecherin, die im alten Latium herrschte, kann oftmals lüsterneMänner zu ungerechten Urtheilen verführt haben — und inunseren Augen ist sie ja selbst verbrecherisch.
13. Schlussfolgerungen. — Bedenken wir, dass dermächtigste Antrieb zur Reaktion gegen das Verbrechen das Be-dürfniss der Blutrache war; dass ferner die Weibergemeinschaftverschwand infolge der Unzucht, die durch die Laune der Vor-