'74
fchaft unter der Oberaufficht von Prieftern, welche während drei Jahrhunderten die einheimifehen Königeund unter der Römerherrfchaft die Kaifer einfetzten. Auch diefe unterhielten das Mufeum zu Alexandrienmit befonderer Vorliebe. Seit der Schleifung der Stadt unter Diocletian (296 n. Chr.) wird des Mufeumsnicht weiter gedacht; feine gleichzeitige Zerftörung erfcheint aufscr Zweifel. Die Rede deffelben nahmwahrfcheinlich das Serapeum zu Alexandrien in fich auf, und mit der Umwandelung diefes Tempels ineine chriftliche Kirche (389 n. Chr.) verfanken fie in völlige Dunkelheit.
Die Thätigkeit des Alexandrinifchen Mufeums übertraf die aller Schwefter-anftalten des Alterthums, die in Athen, Antiochia, Tarfos, Pergamon u. f. w. be-ftanden, bei Weitem. Sie alle waren keine eigentliche Mufeen in unferem Sinne.Solche gab es in Griechenland überhaupt nicht. Die Kunftwerke der Hellenenwurden nicht für Sammlungen gefchaffen. Es waren glückliche Zeiten, als noch dieWerke der Bildnerkunft auf den Plätzen ihrer eigentlichen Beftimmung ftanden, alseine Quadriga des Zeus, eine Juno oder eine Pallas noch auf den Giebeln ihrerTempel thronten, als Venus noch in den Gärten des Alkmenes, Merkur, Herkulesund Eros noch in den Gymnafien, Neptun, Tritonen und Nereiden noch am Meerund Diana im heiligen Haine flanden. In folchcr Umgebung erweckten die Schöpfungender Kunft des Befchauers Begeiferung und erfüllten dadurch ihren erhabenften Zweck.
Das reihenweife Auffpeichern von Kunftwerken in Sammlungsräumen wider-fprach dem Geifte des Alterthums 101 ). Der claffifche Schönheitsfinn muffte noth-wendig darauf ausgehen, die verfchiedenen Stücke in einer Weife anzuordnen, welcheden Zufammenhang derfelben unter einander und mit der umgebenden Architekturvermittelte. In diefem Sinne hat man (ich wohl das Anbringen der Tafelbilder zudenken, die fich mit der Zeit in der als »Pinakothek« bezeichneten Nordhalle derPropyläen zu Athen 162 ) anfammelten, fo wie der Stuckgemälde, mit denen dieWände derfelben gefchmückt waren.
Die alten Schriftfteller erzählen, dafs die Machthaber der Diadochenzeit unddie reichen Privatleute Griechenlands damals mit Eifer Kunftwerke fammelten undunerhörte Summen dafür bezahlten I6S ).
Schon Ptolemaios Philadelphos befafs eine Anzahl Gemälde älterer, fykonifcher Schule; denn erfchmückte damit die Wände des von Kallixenos befchriebenen Prachtzeltes. Und nicht weniger alsioo Bild faulen waren vor den Pilaflcrn, welche die Wandfelder des Zeltes fchieden, aufgeteilt. Auchdie Könige von Pergamon fcheinen fich bemüht zu haben, alte Kunftwerke zu erwerben. Der makedonifcheHof war reich an Statuen und Gemälden. Ambrakia in Epirus, einft die Refidenz des Pyrrhos, war vollvon Kunftfchätzen, bis fie 189 v. Chr. der Conful AI. Fulvius nach Rom bringen liefs.
Die koftbaren, auf Lindenholz gemalten Tafelbilder waren leichter Befchädigungen
ausgefetzt, als die Stuckgemälde. Defshalb wurden jene zu ihrer befferen Sicherungin einem befonders für fie eingerichteten Raum, in der »Pinakothek«, untergebracht,welche nach Vitruv einen notwendigen Beftandtheil des helleniftifchen Wohnhaufesbildete.
Auch in den Tempeln mochte fich mit der Zeit eine gröfsere Anzahl vonTafelbildern anfammeln. Eine Menge anderweitiger Weihegefchenke, Waffen, Cultus-und Hausgeräthe, die an den Wänden anzubringen waren, muffte zwar das Hervor-treten der Gemälde beeinträchtigen; fie bildeten aber insgefammt einen Schatz vonKunftwerken, eine Art Mufeum lül ).
) Siehe: HBLBIG, W. Unterfuchungen über die campanifche Wandmalerei. Leipzig 1873. S. 129." 2 ) Siehe: Bursian , C. Geographie von Griechenland. Bd. I. Leipzig 1862. S. 308 (mit Stellenangaben ausPauf. C. 22, 6, Plin. h. n. 35, 10, 36, 101) - fo wie: DöRPFBLD's Plan der Propyläen in: Deutfche Bauz. 1886, S. rot.1,i;{ ) Siehe: Helbig, a. a. O., S. i8r, 128.
lö *) »Unfcre Mufeen haben ihr Vorbild in den Tempeln des alten Griechenlandes. . .« (Siehe: Lessing, J. UnfererVäter Werke. Berlin 1889. S. n.)