Druckschrift 
Deutsche Maler : von Asmus Jakob Carstens an bis auf die neuere Zeit
Entstehung
Seite
540
Einzelbild herunterladen
 

— 540 —

diesem jugendlichen Cavalier das Mädchen, und zwar einfeines, züchtiges Mädchen, erkennen. Der Contrast desCharakters in diesen beiden Frauengestalten ist ausser-ordentlich fein dargestellt. Sehr komisch sind die beidenJunker, welche wir nur vom Rücken sehen; auffallend istes, dass Steinle den Junker Tobias Rülps eben so langund schlank darstellt, wie seinen Freund und Schützlingden Junker Andreas Fieberwang, ich glaube, die meistenLeser des Stückes werden sich diesen etwas wüsten Ge-sellen ziemlich beleibt vorstellen; indessen mindert daskeineswegs die komische Erscheinung dieser beiden Figuren,die noch durch das seltsame Costume, italienische Mode-tracht vom Ende des 15. Jahrhunderts, erhöht wird. Mal-volio ist ebenfalls höchst charakteristisch; sehr komisch istdas gezierte Lächeln dieses pedantisch philisterhaftenGesichtes, von der Maria sieht man nur das lachende Ge-sichtchen zwischen den Vorhängen hervor. Es ist wirklicheine ganz allerliebste Uebersetzung des Dichters, so geist-reich, fein und humoristisch, dass es eine Freude ist.Weniger bedeutend sind die Illustrationen zu Romeo undJulie, Hamlet und Heinrich IV, Cartons von FerdinandPiloty, jedoch von der meisterhaftesten, vollendetsten Aus-führung, was die Zeichnung betrifft. Aehnliches kann manvon den „Bildern zu deutschen Volksliedern" von TheodorPixis rühmen. Sie sind, wie die zuvor genannten, zurVervielfältigung durch die Photographie bestimmt unddemgemäss sehr sorgfältig ausgeführte Zeichnungen. We-niger gefallen mir Kaulbach's Cartons zu Romeo und Julie,Braut von Messina, Teil, Lohengrin, Nibelungen undTannhäuser, die gleichem Zwecke dienen sollen. Bei allerVerehrung vor dem grossen Meister muss ich doch gestehen,dass er in diesen Darstellungen, wie überhaupt in manchenseiner neuesten Arbeiten, seine eigene Manier in einerWeise steigert, die unerfreulich wirkt, weil sie aller innerenWahrheit und Natürlichkeit entbehrt. Es ist überall die-selbe bekannte geschickte Handschrift, aber wenig mehr: