— 64 —
Zwar war etwas Aehnliches auch schon in früherenKunst-Epochen dagewesen; was hatten nicht die späterenItaliener, was hatte nicht Rubens und seine Schule bereitsdarzustellen versucht! Indessen ist die neue deutsche Kunstin dieser Richtung viel weiter gegangen. Selbst bei denallerabstractesten Gegenständen waren Jene immer nochformell geblieben; allgemein angenommene Allegorieenwaren durch die fortwährende Wiederholung beinahe zubestimmten Gestalten und jedenfalls zu allverständlichenTypen geworden, etwa wie die spätrömischen Götter-gestalten, die grossentheils auch nur verkörperte Begriffewaren, und selten wich man von dem einmal Gültigen ab.Typische Gestalten aber haben für die Kunst fast denselbenWerth wie die realen Gestalten der wirklichen Welt.
Die neudeutsche Schule verwarf die Allegorie und diealtherkömmlichen Typen. Neue Gedanken sollten auch neueFormen finden, der dichtende Künstler sollte seine Ideenauf selbstständige Weise zur Anschauung bringen.
Wie die neue Kunstrichtung hauptsächlich durch Dich-ter und Literaten angebahnt und zur Geltung gebracht war,so verfolgte sie consequent dichterisch - literarische Be-strebungen. Wortgedichte in bildliche Gedichte umzu-schaffen, philosophische Ideen sichtbar zu verkörpern, selbstlehrhaft und moralisch zu wirken, war abwechselnd ihreAufgabe. Statt der einmal verworfenen Allegorie mussteman seine Zuflucht zur Symbolik nehmen, man schuf nichtmehr Gestalten für Begriffe, aber man legte Gestalten Be-griffe unter, und nicht das Bild war mehr die Absicht derDarstellung, sondern die Bedeutung des Bildes; da es aberJedem freistand, sich zu seinen Ideen die Gestalten be-liebig zu wählen und sie beliebig zusammen zu stellen, sowar eine allgemeine Verständlichkeit der Darstellung seltenmöglich, und eine spätere Zeit wird Mühe haben, viele vonden Kunstwerken aus den ersten fünfzig Jahren diesesJahrhunderts zu verstehen, gerade wie wir oft Mühe haben,den Sinn mancher allegorischen Darstellungen der söge-