Druckschrift 
Deutsche Maler : von Asmus Jakob Carstens an bis auf die neuere Zeit
Entstehung
Seite
2
Einzelbild herunterladen
 

uns, die Empfangenden, die Hörer und Beschauer, anziehtund zur Theilnahme anregt. Zwar kann der Einzelne sichzur allgemeinsten idealsten Anschauung erheben, sich übersein Ich und dessen Grenzen hinaus zu schwingen streben,aber sein Werk muss dennoch seines Meisters persönlichesLeben und Denken und Wollen zeigen und durchfühlenlassen, sonst wird es kalt und starr; ohne Poesie ist keineKunst, und Poesie ' entspringt nur dem individuellen Ge-fühl und Willen; ein Kunstwerk, welches nach abstractenallgemeinen Gesetzen entstehen könnte, würde, wie ohneBegeisterung geschaffen, nirgends Begeisterung erregen.Und was bei dem Einzelnen gilt, gilt auch bei der Ge-sammtheit.

Warum ziehen uns die Werke aus der Zeit des Phidiasselbst in ihren zertrümmerten Resten mehr an, als diespäteren Werke aus der Kaiserzeit, in welchen doch diehöchste Formvollendung uns entgegentritt? Weil wir darindas individuelle Leben des griechischen Volkes spüren, denlebendigen Herzschlag hellenischer Poesie und Religion.Bei einer späteren grossen Kunstepoche zeigt sich dasselbe.Die Werke der italienischen Schulen bis zu den NachfolgernRafael's, Titian's und Buonarotti's sind ganz bestimmt ita-lienische Kunstwerke.

Getragen von der eigenthümlichen Kultur ihres Landesin ihrer Zeit, haben sie einen ganz bestimmten nationalenCharakter, wie auch die Dichter jener Zeit, der Dante, derAriosto, der Tasso. Freilich ist diese Kultur auf einer sohohen Stufe und beruht auf so allgemein menschlichenGrundlagen, dass das national Besondere darin eine wenigerhervorragende Stelle einnimmt.

Und die Niederländer! Wer die Werke der Periodekennt, welche zwischen den Eyck und Rubens inne liegen,in welcher die vlaemischen Künstler ihre Kunst in Italiensuchten, wird gewiss zugeben, dass darin wenig wirklichErquickliches geschaffen worden ist; erst nachdem mitRubens die vlaemische Kunst sich ganz und gar ihrer