52
Unkraut und tödtender Natternbiß zu scheuen. An solch einer 'schmählichen Jnfibulirung der geistigen Spontaneität welkenoft die größten Talente, wie an einem unheilbaren Siech-thume, in unfruchtbarer Dunkelheit dahin; weil sie nicht imStande sind oder nicht den Muth haben, sich von dem durch /einen unglüklichen Umgang oder Unterricht in die Tiefe deSgeistigen Lebens gestoßenen Dorn zu befreien, während oft einnatürlich gesunder Menschenverstand, der ein freies, von jederAutorität unabhängiges Urtheil sich zu wahren wußte, zueiner klaren Einsicht in die Natur der Dinge und die Federun-gen des Lebens sich emporgerungen.
Werfet ihr daher, meine Theuren! wie ich euch bitte,euren Blik noch einmal, noch eindringender auf unsere Tafelursprünglicher oder apriorischer Denkweisen, auf das Ge-sammtbild der transcendentalen Verhältnisbestimmungen, der .allgemeinsten oder Stammurtheile, so werdet ihr entdeken,daß jedes Zeichen darin Belehrung winkt, jedes Wort unszuruft, wie wir im geistigen Leben, vornehmlich in unfernÄußerungen und Behauptungen uns zu benehmen haben. Undzwar ermahnt uns die erste Reihe jener Normen zur V o r-sicht im Aussprechen eines Urtheils oder Sazes. Weil esnämlich schwer ist, von allen Dingen einer Gattung einesichere, deutliche Kenntnis zu erlangen, so gebietet es unserintellektueles Interesse, in einer Reihe von Wesen erst die ^Einzeldinge genau zu untersuchen, ehe wir irgend ein Ver- >hältnis von allen Gliedern ihrer Gattung zu bestimmenwagen. Ebenso müßen wir fürs zweite behutsam sein und unsnicht angewöhnen, irgend etwas in jeder Beziehung zu beja-hen oder in jeder Rüksicht zu verneinen; denn sehr oft sinddie entgegengesezten, ja nicht selten sogar die widersprechend-sten Merkmale in einem und demselben Dinge mit einanderverbunden, wie wir in den vorhin gegebenen Beispeilen kon-junktiver Säze gesehen. Gewöhnlich liegt die Wahrheit inder Milte zwischen den Extremen und der alte Spruch „inweäio virtu8« hat auch als ein logischer Saz volle Geltung.