kann man kaum parteilos gegenübertreten, ja man soll es auchnicht. Das schliesst die Unparteilichkeit des Urtheiles nichtaus, aber gerade sie wird gar oft ausser Augen gesetzt. Bei demGedanken an Voltaire steigt in meiner Erinnerung das Bildeines alten, griechischen Schriftstellers — Lucian’s — empor,den man den Voltaire des Alterthumes nennen könnte. Lucianlebte im zweiten Jahrhunderte n. Chr.; die alte Welt mit ihremGlauben an Zeus und die olympischen Götter war stark in’sSchwanken gerathen, und eine neue Zeit stieg herauf. Geradedie Gebildeten hatten damals das quälende Gefühl der Unsicher-heit, des Zweifels, des Unbehagens in einer Welt, die ihnenfremd zu werden drohte — und dieses Gefühl fand seinenstärksten Ausdruck in den satirischen und polemischen SchriftenLucian’s. Der Name dieses Mannes ist einer der wenigen Namen,die sich aus der bunten Mannigfaltigkeit vermeintlicher Berühmt-heiten jener Zeit bis auf unsere Tage erhalten haben. Aehnlich,denke ich, wird es mit dem Namen Voltaire gehen. Wenn ein-mal ein oder zwei Jahrtausende vergangen sein werden, wirdman nur noch wenige Menschen des achtzehnten Jahrhundertesdes Andenkens werth erachten. Unter ihnen aber wird Voltaireeiner der Ersten sein. Er wird dann als der charakteristischeVertreter seines suchenden, streitlustigen, edeldenkenden, unddabei oft oberflächlichen Jahrhundertes erscheinen. Worin aberlag denn Voltaire’s grosse Bedeutung? Er war keiner jener tiefenDenker, wie sie nur alle paar Jahrhunderte einmal ercheinen —kein Plato, kein Spinoza, kein Kant. Er war auch keiner jenergrossen Dichter, deren Werke für alle Zeiten leben, und welchedas Menschenherz bis in seine Tiefe ergründen: kein Sophokles,kein Dante, kein Shakespeare oder Goethe. Allein er war thätigauf den mannigfaltigsten Gebieten, und überall wirkte er an-regend, fördernd, befreiend. Er war der bedeutendste französischeTragiker seines Jahrhundertes. Das will freilich nicht viel be-sagen; immerhin ist zu [bemerken, dass er das französischeTheater zu reformiren, ihm grössere Beweglichkeit und mehrrealistische Treue zu geben suchte. Als epischer Dichter hatteer einen beispiellosen Erfolg, denn seine Henriade wurde imLaufe des Jahrhundertes in 300.000 Exemplaren gedruckt. Freilich
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Zur Culturgeschichte Frankreichs im XVII. und XVIII. Jahrhunderte
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244
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