Wenige Menschen haben eine solche Herrschaft über denGeist und die Denkweise ihrer Zeitgenossen sowohl, als auchder späteren Geschlechter ausgeübt, wie Voltaire. Von den Re-ligionsstiftern abgesehen, wüsste ich keinen zu nennen, der denPatriarchen von Ferney — wie sich Voltaire gerne nannte —übertroffen hätte. Von der Newa bis zu den Pyrenäen, von dertürkischen Grenze bis nach England erstreckte sich seine Macht,und mit Recht hat man ihn einmal den König Voltaire genannt.Wie aber so manchem Machthaber, so erging es auch KönigVoltaire; er wurde zwar viel gepriesen, aber auch viel ange-feindet, und bis zum heutigen Tage hört man die widersprechendstenUrtheile über ihn und seine Wirksamkeit. Die Einen verdammenihn als einen Gegner jeder Religion und jedes religiösen Glaubens.Aus demselben Grunde verherrlichen ihn die Anderen. Merk-würdig ist dabei nur, dass Voltaire gar nicht die radicalen An-sichten hatte, die man ihm gewöhnlich zuschreibt. Die Einenverdammen ihn ferner als habsüchtig, geizig, boshaft, gemein,als ein Subject, das seinen Ruhm nur dadurch erlangt habe,dass er eine literarische Reclamegesellschaft begründet und fürsich ausgebeutet habe, wie sie grösser noch nie gesehen wordensei. Die Anderen schildern ihn als gutmüthig, freigebig, hilfreich,und verehren ihn als einen Vorkämpfer für freiheitliche Ent-wicklung der Staaten. Sieht man die Urtheile genauer an, soergibt sich, dass die meisten von blindem Parteigeiste eingegebensind, dass die Mehrzahl der Lobredner und Tadler Voltaire’sden Mann selbst gar nicht kennen.
Voltaire war eben ein Mann des Kampfes — eines Kampfes,der heute noch nicht ausgefochten ist. Einem solchen Manne
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