Druckschrift 
Zur Culturgeschichte Frankreichs im XVII. und XVIII. Jahrhunderte
Entstehung
Seite
197
Einzelbild herunterladen
 

197

keineswegs die Hauptaufgabe eines Studirenden der Medicin,sich die Kenntniss des menschlichen Körpers und der verschie-denen Krankheiten desselben zu erwerben, sondern er hatte zu-nächst die Pflicht, sich in den alten Sprachen und der Kunstder Dialektik auszubilden. Man wundere sich nicht zu sehr,denn bis heute haben wir einen Rest der alten Anschauungenbewahrt. Zum Studium der Medicin wird auch jetzt noch keinjunger Mann zugelassen, der von einer Realschule kommt, auchwenn er die Hauptfächer der Naturwissenschaft daselbst mitAuszeichnung studirt hat; er muss vielmehr zuerst Jahre langgriechisch und lateinisch in einem Gymnasium getrieben haben,obwohl ihm daraus kein directer Nutzen erwächst.

Allerdings hörten die Studenten der Medicin zu Paris schondamals auch einige Vorträge über Anatomie und Physiologie,Hygiene und Pathologie, allein welchen Nutzen konnten sie ausihnen ziehen, da dieselben niemals durch Demonstrationen er-läutert wurden und man weder praktische Anatomie, noch Secir-übungen, noch Kliniken kannte? Die Studenten erwarben ihre„Licenz“, d. h. sie machten die erste Hauptprüfung, ohne zuvoreinen Kranken gesehen zu haben. Und auch als Licentiaten galtihnen das Studium der Medicin noch als Nebensache. Ihr Haupt-eifer war auf die dialektischen Uebungen gerichtet. In stunden-langen Discussionen, gewöhnlich von fünf Uhr in der Frühe biszum Mittag, bekämpften sich die jugendlichen Gelehrten in demThesensaal der Universität. Der Reihe nach hatten die Mitgliederdes Collegiums der Aerzte diesen Uebungen vorzusitzen. Einerder Licentiaten stellte seine Thesen auf und hatte sich währendvieler Stunden gegen den Ansturm seiner Collegen zu wehren;er allein gegen so Viele, die allen Scharfsinn, alle classischenKenntnisse, alle möglichen Citate aufboten, um den Thesenstellerin die Enge zu treiben, zu besiegen. In einem anstossendenRaume waren Erfrischungen aufgestellt, deren Kosten der Ange-griffene zu bestreiten hatte, die er allein aber nicht kosten durfte,während seine Opponenten dort neue Kräfte und neue Begeisterungschöpften. Aber welch ein Triumph war es auch, wenn der Ein-zelne aus der heissen Schlacht, zwar erschöpft, aber siegreichhervorging! Er wurde dann als ein Genie, ein Licht der