Bürgertugend. 769
zu enthüllen suchen, welche die Freiheitsbestrebung der Besseren lahmen und dem Despo-tismus in die Hände arbeiten.
Zu diesen verderblichsten Täuschungen gehört nun in dem heutigen Deutschland derWahn, man könne ein ganz sittlicher Mann sein, wenn man nur nicht selbst morde undstehle und übrigens seine Familie und dadurch dann sich selbst glücklich mache; man könnees, auch ohne daß man Theil nehme an den patriotischen Kämpfen und Opfern für Wie-derherstellung, Erhaltung oder Ausbildung würdiger freier Staatszustände, ohne Gemein-sinn für ein würdiges freies Gemeinwesen, man könne es mit feiger, bequemer und selbst-süchtiger Vernachlässigung der Bürgertugend.
Freilich sind wir weit entfernt, die Liebe und Treue in der Familie herabzufetzen.Nein, wir würden vielmehr warnen vor Denen, die sie nicht heilig halten. Sie sind eineGrundlage auch für die Bürgertugend. (S. Geschlechtsverhältnisse.)
Aber sie sind es und sie sind wirklich heilig doch nur, wenn sie sittlich, wenn sie vonder ganzen Idee der sittlichen Bestimmung der Menschheit durchdrungen sind und sich demhöchsten umfassendsten Verein für dieselbe, dem vaterländischen Gemeinwesen oder Staateund der Bürgertugend für denselben anschließen und unterordnen, statt sie zu vernachlässi-gen und zu verrathen. Wenn man in den Familienverhältnissen blos den natürlichenTrieben und Instinkten folgt, die Seinigen zu ernähren und zu beschützen zur Befriedi-gung eben dieser stärksten thierischen Jnstincte und um mit ihnen sich behaglich und glück-lich zu fühlen, was thut dann der belobte gute Familienvater viel Anderes, als das, wasauch die Bestie, was auch der Affe und Löwe und Hund thun! Auch die Thiere ernähren,schützen und pflegen oft mit rührender und muthvoller Aufopferung, Liebe und Treue ihreJungen. Das für sich allein ist also fast nur eine bestialische Familienliebe und sie wirdnoch dazu positiv unsittlich und unwürdig, wenn um ihcenrwillen die höchsten und heiligstenPflichten, die des Bürgers, Wahlmannes, Abgeordneten aufgeopfert und verrathen wer-den. Man kann nicht genug die Feigheit und Nichtswürdigkeit dieser so häufigen deutschenFamilientugend an den Pranger stellen und die Bornirtheit bemitleiden, aus welcher sie soviele deutsche Spießbürger und Beamte als wirkliche Rechtschaffenheit und Tugend preisen.Wenn der Vater den Sohn verführte, vom gefährlichen Posten auszureißen, wenn erauf andere Weise als durch Vernachlässigung seiner patriotischen Pflichten Mord undRaub seiner Mitbürger, ja seiner eignen Kinder und Enkel fördern wollte, dann würdenselbst gute Spießbürger Zeter über denselben schreien. Was aber thun denn die, welchedurch träges, feiges, selbstsüchtiges Vernachlässigen ihrer Bürgerpflichten Mitwirken, daßdas Vaterland, so wie unser Deutschland, dem Raube und der Unterdrückung der Fremden,der Zerstückelung, den schmachvollsten Bürgerkriegen, aller Schmach und allem morali-schen Verderben und physischen Elend der Knechtschaft aufs Neue anheimfällt, oder daßinnerer Despotismus Bestechung, Justiz- und Kerkermord, Sittenlosigkeit und Ver-armung und all deren Elend herbeiführt? Gewiß nur Geistesbeschränkung oder Schlech-tigkeit kann die Nichtswürdigkeit jener deutschen bestialischen Familienliebe ableugnen!Freuen wir uns, daß die wachsende Aufklärung und die erwachende sittliche Bürgertugendimmer allgemeiner die Anerkennung der Verächtlichkeit und Verwerflichkeit derselbenverbreiten.
Die Grundlage wahrer Bürgertugend ist übrigens der Bürgersinn, der poli-tische Gemeinsinn oder Gemeingeist. Wesentliche Bestandtheile derselben bildender Bürgermu th und die Bürgerkraft, oder die unerschütterliche Beharrlich-keit in Beförderung und Vertheidigung des Bürgerwohls und des Bürgerrechts. Ge-meingeist ist die natürliche lebendige Richtung der Gedanken und Gefühle und der Gesin-nungen auf das allgemeine Ganze und sein Wohl. Sein bestes Bild und seine analogeKraft ist das Gemeingefühl oder auch die ganze gesunde Leben skraft in demeinzelnen lebendigen Wesen. Wie diese und durch sie jedes Glied des ganzen Körpers jedenSchmerz und jedes Bedürfnis und jede Lust irgend eines Gliedes Mitempfinden und fürBefriedigung und Gesundheit und nach Heilung und Ausscheidung des Feindseligen mit-zuwirken streben, so ist es mit dem wahren Gemeingeist. In diesem Sinne bezeichnen dennothwendigen lebendigen vaterländischen Gemeingeist jene Solo Nischen Grundsätze, daßStaatS-Lerikon. II. 49
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